Markus Gabriel, jüngster Philosophieprofessor Deutschlands, stellt in seinem Buch "Warum es die Welt nicht gibt" wenig erstaunlich die These auf - dass es die Welt nicht gibt. Sehr erstaunlich ist hingegen, dass Gabriel als zweiten Grundgedanken in seinem Buch den "neuen Realismus" sieht (S. 9, alle nicht anders ausgezeichneten Zitate aus Gabriel 2013). Denn Realismus bedeutet, "dass es eine denkunabhängige Wirklichkeit gibt" (Wikipedia), Realismus bedeutet also, dass es die Welt gibt. Dieser Widerspruch lässt sich dadurch auflösen, dass Gabriel zum einen mit unklaren Begriffen arbeitet. Zum anderen handelt es sich bei seiner Philosophie keinesfalls um einen Realismus, sondern um den Versuch einen philosophischen Idealismus als Realismus zu verkleiden. Wie aber kommt Gabriel überhaupt auf die Idee, dass es die Welt nicht geben soll?

Erste Argumente

Ein erstes Argument leitet Gabriel wie folgt ein: "Um zu verstehen, warum es die Welt nicht gibt, muss man zunächst verstehen, was es überhaupt bedeutet, dass es etwas gibt. Es gibt nur dann überhaupt etwas, wenn es in der Welt vorkommt. Wo sollte es etwas geben, wenn nicht in der Welt, wenn wir darunter eben das Ganze verstehen, den Bereich, in dem alles stattfindet, was überhaupt stattfindet. Nun kommt die Welt nicht in der Welt vor. Ich habe sie zumindest noch niemals gesehen, gefühlt oder geschmeckt." (S. 22).

Da bleibt einem beinahe die Spucke weg. Um die Existenz der Welt zu widerlegen argumentiert Gabriel, dass alles, was es gibt in der Welt vorkommt. Gibt es die Welt nicht - gibt es diesem Gedankengang zufolge also nichts. Demnach müsste es im Umkehrschluss lauten, dass es die Welt gibt, da es ja etwas gibt (z.B. Markus Gabriel). Aber Gabriel kommt zu einem ganz anderen Ergebnis: Obwohl es etwas gibt und alles, was es gibt in der Welt vorkommt - gibt es die Welt nicht. Ein offensichtlicher Widerspruch - weshalb man gespannt auf die Begründung wartet und die lautet: Die Welt gibt es nicht, weil er, Markus Gabriel, sie noch niemals gesehen, gefühlt oder geschmeckt hat. Das ist harter Stoff. Bis ich im Sommer 2013 auf Gabriels Büchlein gestossen bin, hatte ich von Markus Gabriel keine Kenntnis - und ich habe ihn bis heute noch niemals (live) gesehen, gefühlt oder geschmeckt. Bedeutet das nun, dass er nicht existiert? Er meint dies wohl rhetorisch - aber die Absurdität des Arguments ist hoffentlich deutlich genug. Es enthält aber noch einen weiteren Fehler, auf den wir weiter unten zu sprechen kommen werden.

Gabriel begründet die Inexistenz der Welt natürlich noch mit weiteren Argumenten (Anschluss an obiges Zitat): "Und selbst wenn wir über die Welt nachdenken, ist die Welt, über die wir nachdenken, natürlich nicht identisch mit der Welt, in der wir nachdenken.  … Wenn wir also über die Welt nachdenken, ist dasjenige, was wir erfassen, etwas anderes als das, was wir erfassen wollten. Wir können niemals das Ganze erfassen. Es ist prinzipiell zu groß für jeden Gedanken." (S. 22).

Leider ist auch dieses Argument kaum besser als das erste. Schliesslich geht es nicht um die Frage, ob wir über die Welt nachdenken können, sondern darum, ob diese existiert. Das "Nachdenken-Argument" bringt Gabriel allerdings immer wieder, besonders prominent auf Seite 104: "Denn es gibt alles nur deswegen, weil es die Welt nicht gibt. Man kann nicht über die Welt nachdenken. ... Jeder Gedanke über die Welt ist ein Gedanke in der Welt. Wir können nicht von oben herab über die Welt nachdenken und können deswegen wortwörtlich nicht über die Welt nachdenken. Gedanken über die Welt "im Ganzen" sind nicht wahrheitsfähig, sie haben keinen Gegenstand, auf den sie sich beziehen."

Es mag ja sein, dass sich über die Welt als Ganzes keine wahrheitsfähigen Aussagen treffen lassen oder dass der Mensch nicht mit dem "Blick von Nirgendwo" (Thomas Nagel) auf die Welt blicken kann. Doch warum soll dies bedeuten, dass die Welt nicht existiert? Der Welt sind schliesslich unsere Gedanken egal, sie kann auch ohne Menschen und ohne Gedanken existieren. Dies zumindest ist die Position des Realismus. Gabriel allerdings vertritt eine ganz andere Position, die er unter dem Begriff "Sinnfeldontologie" zusammenfasst:

Sinnfeldontologie

Darunter versteht er folgende Idee, die wir noch "ausdeutschen" werden: "Alles Existierende erscheint in Sinnfeldern. Existenz ist die Eigenschaft von Sinnfeldern, dass etwas in ihnen erscheint. Ich behaupte, dass Existenz nicht eine Eigenschaft der Gegenstände in der Welt oder in den Sinnfeldern, sondern eine Eigenschaft von Sinnfeldern ist, nämlich die Eigenschaft, dass etwas in ihnen erscheint." (S. 94).

Die Welt definiert Gabriel nun als "Sinnfeld aller Sinnfelder, das Sinnfeld, in dem alle anderen Sinnfelder erscheinen." (S. 97) Da die Welt aber nicht wiederum selbst in einem Sinnfeld erscheinen kann (da sie ja das "letzte" Sinnfeld ist, dem kein weiteres Sinnfeld übergeordnet ist) - existiert die Welt nicht. Alles klar?

Spannend am ersten Zitat ist nicht zuletzt einmal, dass Gabriel - wie an vielen anderen Stellen im Buch - selbstbewusst etwas behauptet, ohne es näher zu begründen. Doch verhält es sich auch tatsächlich so, wie er behauptet? Um darauf eine Antwort zu finden, muss zuerst einmal der Begriff des "Sinnfelds" geklärt werden, der, wie Gabriel sogar bereitwillig eingesteht alles andere als klar definiert ist: "Der Begriff des Sinnfeldes ist in der Abstraktion fast leer, er hat fast keinen Inhalt. Ich nenne das "dünne Begriffe". Das bedeutet, dass die Begriffe, die ich verwende, wie "Existenz" oder "Sinnfeld" so dünn sind, dass wir mit Ihnen nicht einen Überblick über alles gewinnen." Markus Gabriel in einem Interview, abgerufen am 8.6.14.

Dünne, also mehrdeutige und unklare Begriffe sind in der Philosophie besonders beliebt, da sich mit ihnen Fehler in Theorien verschleiern lassen. Wer unklare Begriffe verwendet oder wie Gabriel hier selbst "erfindet" befindet sich damit auf schwammigem Grund. Der Begriff des "Sinnfelds" ist allerdings nicht ganz leer, sondern wird von Gabriel wie folgt definiert: "Sinnfelder sind Bereiche, in denen etwas, bestimmte Gegenstände, auf eine bestimmte Art erscheinen." (S. 91). Oder im Glossar: "Sinnfelder: Orte, an denen überhaupt etwas erscheint." (S. 267). Viel klarer ist er damit leider nicht geworden. Doch zum Glück bringt Gabriel auch verschiedene Beispiele.

So lässt sich das, was wir als "Hand" bezeichnen in unterschiedlichen Sinnfeldern betrachten. "Je nach Sinnfeld ist dasselbe also eine Hand, ein Atomgewirr, ein Kunstwerk oder ein Werkzeug." (S. 92) Es gibt nicht die "Hand an sich", sondern verschiedene Sinnfelder, in welchen das, was wir als Hand bezeichnen erscheint. Von Bedeutung sind Sinnfelder für Gabriel vor allem, um Denkbares, aber nicht real Existierendes zu erklären. So bringt er das Beispiel, dass es Polizeiuniform tragende Einhörner auf der Rückseite des Mondes gebe, da dieser Gedanke in der Welt (die es gemäss Gabriel allerdings gar nicht gibt…) vorkomme - nicht aber im Universum. Es gebe also ein Sinnfeld, wo es solche Einhörner gebe und ein Sinnfeld, wo es diese nicht gebe. Weiter: "Es gibt auch alles, was es nicht gibt - nur gibt es dies alles nicht im selben Bereich. Elfen gibt es im Märchen, aber nicht in Hamburg, Massenvernichtungswaffen gibt es in den USA, aber - soweit ich weiß - nicht in Luxemburg. Die Frage ist also niemals einfach, ob es so etwas gibt, sondern immer auch, wo es so etwas gibt." (S. 23, Hervorhebung im Original).

Erscheinungen

Dieses "wo" ist gemäss Gabriel in einem Sinnfeld, in dem etwas (z.B. Massenvernichtungswaffen, Einhörner) "erscheint". Für Gabriel gibt es keine Existenz unabhängig von einem Sinnfeld, unabhängig von einer "Erscheinung" - ein Begriff, der mindestens so problematisch ist wie jener des Sinnfelds. Gabriel schreibt dazu: "Es gibt keine Gegenstände oder Tatsachen außerhalb von Sinnfeldern. Alles, was existiert, erscheint in einem Sinnfeld (genau genommen erscheint es sogar in unendlich vielen). "Existenz" bedeutet, dass etwas in einem Sinnfeld erscheint. Unendlich vieles erscheint in einem Sinnfeld, ohne dass irgendwann jemand dies bemerkt hätte. Dabei spielt es in ontologischer Hinsicht eine untergeordnete Rolle, ob wir Menschen davon erfahren oder eben nicht. Die Dinge und Gegenstände erscheinen nicht nur, weil sie uns erscheinen, sie existieren nicht nur, weil uns dies aufgefallen ist. Das meiste erscheint einfach, ohne dass wir Notiz davon nehmen." (S. 92)

Hier stellt sich sofort die Frage, wem denn all dies erscheint, das "einfach erscheint" ohne dass jemand davon Notiz nimmt. Denn der Begriff der Erscheinung setzt sowohl ein Subjekt wie ein Objekt voraus: etwas erscheint jemandem. Womöglich ist es nicht notwendig, dass die Erscheinung bewusst ist, aber eine Erscheinung benötigt einen "Träger", dem etwas erscheint, der die Erscheinung "hat". Gabriels Einhörner existieren ja gerade nicht unabhängig von einem Gedanken, der jemandes Gedanken ist. Sie "erscheinen" ihm als subjektive Vorstellung - doch unabhängig von einem Subjekt existieren sie nicht, weshalb sie ja auch nicht real sind. Die Einhörner existieren nur als Element eines Sinnfelds, das jemandes Sinnfeld ist.

Hierin liegt auch ein Fehler von Gabriels Argument, dass es die Welt als Sinnfeld aller Sinnfelder nicht geben könne. Es mag sein, dass Sinnfelder in anderen Sinnfeldern erscheinen und es ist in der Tat so, dass es kein Sinnfeld geben kann, in welchem alle anderen Sinnfelder erscheinen und das Gabriel die Welt nennt. Denn die Welt als Sinnfeld aller Sinnfelder müsste ja auch sich selbst enthalten, es ergibt sich ein unendlicher Regress. Dies hat aber damit zu tun, dass Sinnfelder nicht immer in weiteren Sinnfeldern erscheinen ad infinitum, sondern dass Sinnfelder letztlich auf ein Subjekt zurückgehen: das Sinnfeld erscheint einer Person, endet in der Person und nicht im unendlichen Regress. Vielmehr ist der unendliche Regress oder auch der Widerspruch, dass alles, was existiert in der Welt existiert, die Welt aber selbst nicht existieren soll ein klarer Hinweis dafür, dass Gabriels Theorie falsch ist.

Dieser Fehler lässt sich mit einem weiteren Zitat erklären: "Die Sinnfeldontologie behauptet, dass es nur dann etwas und nicht nichts gibt, wenn es ein Sinnfeld gibt, in dem es erscheint. Erscheinung ist ein allgemeiner Name für "Vorkommen" oder "Vorkommnis". Der Erscheinungsbegriff ist aber neutraler. Auch Falsches erscheint, während es etwa gegen den Sprachgebrauch geht zu sagen, Falsches komme in der Welt vor." (S. 87).

Auch in diesem Zitat verwendet Gabriel unklare Begriffe. Denn selbstverständlich kommt Falsches in der Welt vor - schliesslich betont Gabriel ja sogar selbst, dass es etwas nur dann gibt, wenn es in der Welt vorkommt ("Alles, was es gibt, gibt es in der Welt, weil die Welt eben der Bereich ist, in dem alles stattfindet", S. 97).

Was Gabriel hier aber meint, ist, dass Falsches nicht in der "Aussenwelt" vorkommt, respektive, dass Falsches nicht unabhängig vom Menschen, nicht unabhängig von einem Subjekt vorkommt. Er verwendet den Begriff der Welt hier in anderer Bedeutung, was seine Denkfehler zu verschleiern hilft. Falsches existiert selbstverständlich in der Welt - wenn man unter Welt einfach "alles, was existiert" versteht. Falsches existiert aber nicht in der Aussenwelt - da Falsches im Gegensatz zur Aussenwelt nur als Bestandteil eines Sinnfelds existiert. Sie werden etwas "Falsches" nicht auf dem Uranus oder hinter dem Mond finden, also in der realen Aussenwelt, im Universum, wie Gabriel es auch nennt. Gleichwohl existiert Gabriels falsche Vorstellung von Polizeiuniform tragenden Einhörnern in der Welt - wenn man darunter "alles, was existiert" versteht.

Philosophie vs. Wissenschaft

Der Fehler, den Gabriel hier begeht basiert auf der fatal falschen angeblichen "Kopernikanischen Wende" von Immanuel Kant - auf den er sich an anderer Stelle beruft: "Leider hinken viele Philosophen den Fortschritten der modernen Philosophie seit Kant hinterher. Sie meinen deswegen immer noch wie einige materialistische Philosophen der Frühen Neuzeit, es gebe eine sogenannte "Aussenwelt", die auf unsere Sinnesorgane einwirkt, und daneben auch noch unsere Vorstellungen von dieser Außenwelt". Während die Außenwelt eben existiere, seien unsere Vorstellungen wahr oder falsch, die Außenwelt sei weder wahr noch falsch, sondern einfach da. Dabei ist es schlichtweg falsch, dass es eine Außenwelt und daneben die Vorstellungen gibt, die wir uns von ihr machen. Denn dies setzt ein ontologisch falsches, sogenanntes wissenschaftliches Weltbild voraus." (S. 119)

Einmal mehr "brilliert" Gabriel mit Begründungen. Das wissenschaftliche Weltbild ist einfach falsch und die "Außenwelt" gibt es nicht. Punkt. Dass Gabriel selbst an einer Universität angestellt ist, die sich einem wissenschaftlichen Weltbild verpflichtet fühlen sollte bleibe dahin gestellt. Denn Gabriels Argumentationsweise kann auch hier nicht überzeugen, da er wiederum den Begriff der "Welt" vermischt: Während er meist nur betont, dass es die Welt als "Bereich aller Bereiche" nicht gebe, lehnt er hier auch die Existenz der Aussenwelt ab - also in der Bedeutung, wie man normalerweise den Titel seines Buches auch versteht. Aber selbstverständlich gibt es die Aussenwelt als Teil der Welt, die "einfach da" ist. Und diese Aussenwelt macht es auch erst möglich, dass wir etwas sehen, fühlen und schmecken können, was deshalb von besonderer Ironie ist, da Gabriel im fast zu Beginn erwähnten Zitat die Existenz der Welt ja damit bestritten hatte, dass er die Welt weder sehen, fühlen noch schmecken könne. Sollten die Begriffe "sehen, fühlen und schmecken" aber überhaupt eine Bedeutung haben, dann die, dass Dinge aus der Aussenwelt auf unsere Sinnesorgane einwirken, worauf wir etwas sehen, fühlen und schmecken. Im Umkehrschluss würde das also wieder bedeuten, dass es die Welt (im Sinne der Aussenwelt) eben doch gibt, unabhängig davon, ob es die Welt als "Bereich aller Bereiche" gibt. Und die Aussenwelt existiert selbstverständlich auch als Teil der Welt als "Bereich aller Bereiche". Welt ist definitiv nicht gleich Welt.

Erstaunlich ist diese Ablehnung der Aussenwelt insbesondere deshalb, da dies ausdrücklich die Philosophie des Idealismus darstellt, zu deren Vertretern Immanuel Kant gehört und die Gabriel offen (!) ablehnt, wenn er sich als Vertreter eines "neuen Realismus" zu verstehen gibt. Gabriel kontrastiert hier also zwei Weltbilder - ein wissenschaftliches (realistisches) und ein philosophisches (idealistisches ) Weltbild. Im einen gibt es eine vom Menschen unabhängige Aussenwelt, im anderen nicht. Im einen existiert die Aussenwelt auch unabhängig von einem Sinnfeld, im anderen steht die Aussenwelt auf derselben Stufe wie alles andere: sie ist einfach eines von unendlich vielen Sinnfeldern.

Postmoderne Beliebigkeit

Daraus ergibt sich aber ein Problem, da damit die Existenz von Polizeiuniform tragenden Einhörnern und die Existenz der Person "Markus Gabriel" auf eine Stufe gestellt wird. Sie existieren zwar in unterschiedlichen Sinnfeldern, aber man kann nicht sagen, dass Gabriels Existenz "realer" ist als jene der Einhörner. Es gibt auch keinen ontologischen Unterschied zwischen der Aussage "Hitler war ein Massenmörder" und "Hitler hat die Welt gerettet" - es handelt sich bei diesen Aussagen einfach um verschiedene Sinnfelder. Beide Aussagen sind in ihrem jeweiligen Sinnfeld wahr, so wie absolut jede Theorie in einem bestimmten Sinnfeld wahr - und in einem anderen falsch sein kann. Verzichtet man auf die Existenz einer Aussenwelt, führt dies zu einer Beliebigkeit, wie sie Gabriel auch selbst beschreibt: "Wie meine linke Hand mir erscheint, ist genauso real wie meine linke Hand selbst." (S. 155). Sind Gedanken und Erscheinungen genauso real wie die Realität, dann ist es nur schwer zu erklären, warum man in Gedanken von einem hohen Turm springen kann, ohne dass etwas geschieht, warum dies aber in Realität zum schnellen Tod führt. Oder es ist unmöglich zu erklären, warum die Aussage, dass die Erde flach sei weniger wahr sein soll als die Aussage, dass die Welt nicht flach sei. Denn für beide Aussagen existiert zumindest ein Sinnfeld, in welchem die jeweilige Aussage wahr ist. Welches Sinnfeld aber wirklich wahr ist, welches Sinnfeld der Realität entspricht, lässt sich nicht eindeutig entscheiden, wenn es die Welt (im Sinne der subjektunabhängigen Realität) nicht gibt. Diesen Gedanken kann man auch mit "postmoderner Beliebigkeit" bezeichnen - gegen die sich Gabriel, wohl wenig erstaunlich ebenfalls wendet (z.B. S. 10f; Gabriel: Postmoderne).

Im "klassischen" Realismus (in Abgrenzung zum angeblichen "neuen Realismus" von Gabriel) lassen sich hingegen Aussagen auf ihre Wahrheit hin überprüfen - es lässt sich feststellen, ob sie mit der "real existierenden" Aussenwelt vereinbar sind, ob sie der Realität entsprechen. So lässt sich die Hypothese, ob die Erde flach sei empirisch überprüfen und in dem Sinne verneinen. Diese Eigenschaft, dass sich Hypothesen und Theorien an der Aussenwelt bewähren müssen und auch scheitern können, bezeichnet Gerhard Vollmer als das wohl wichtigste Argument für einen ("klassischen") Realismus (Vollmer 2013 Auf der Suche…, S. 18).

Warum es die Welt doch gibt

Gabriels Fehler besteht also darin, dass er als angeblicher Vertreter eines Realismus einen solchen verneint. Kehren wir zurück zum Originalzitat mit den Einhörnern:

"Andererseits behaupte [!] ich aber auch, dass erheblich mehr existiert, als man erwartet hätte, nämlich alles andere als die Welt. Ich behaupte, dass es Polizeiuniform tragende Einhörner auf der Rückseite des Mondes gibt. Denn dieser Gedanke existiert in der Welt [!] und mit ihm die Polizeiuniform tragenden Einhörner. Im Universum dagegen kommen sie meines [!] Wissens nicht vor. …  Denn alles, was existiert, existiert irgendwo - und sei es nur in unserer Einbildung. Die einzige Ausnahme ist wiederum: die Welt." (S. 23f.).

Gabriel behauptet (!) also einmal mehr etwas, nämlich, dass auch seine Einhörner existieren - als Gedanke. Dieser Gedanke existiere in der Welt (deren Existenz er in diesem Zitat zugleich verneint (!)), da alles irgendwo existiere. Aber der Gedanke existiere seines (!) Wissens nicht im Universum. Nun, als Vertreter eines Realismus müsste Gabriel wissen, dass Gedanken auch im Universum existieren. Denn ein Gedanke ist - gemäss dem Realismus - direkt korreliert mit einem real existierenden Gehirn, das sich mitten im Universum auf einem winzigen Planeten befindet. Der Gedanke existiert zwar nicht losgelöst von einem Menschen irgendwo hinter dem Uranus, aber der Gedanke ist direkt verbunden mit dem Menschen, der den Gedanken hat und somit auch lokalisiert innerhalb des Universums (der Aussenwelt).

Nun kann man sich natürlich fragen, ob ein Planet unabhängig von einem Sinnfeld existieren kann, da ein Planet ja nur eine Konvention ist. Oder wie es Gabriel beschreibt: "Kommen wir zu unserer ursprünglichen Verortung im Universum zurück! Wir meinten, unser Wohnzimmer befinde sich im Universum. Doch das stimmt so nicht. Denn das Universum ist bei genauerem Hinsehen lediglich der Gegenstandsbereich der Naturwissenschaften, insbesondere der Physik. Halten wir also fest: Das Universum ist primär etwas, in dem alles vorkommt, was sich experimentell mit den Methoden der Naturwissenschaften untersuchen lässt." (S. 37)

Wohnzimmer und Menschen befinden sich gemäss Gabriel also nicht im Universum, da das Universum wie alles andere nur ein Sinnfeld ist und zwar jenes Sinnfeld, welches experimentell mit den Methoden der Naturwissenschaften untersucht werden kann. Das Universum existiert nicht unabhängig von einem Sinnfeld, was zur postmodernen Beliebigkeit führt. Da auch das Wohnzimmer (wie der Planet) gemäss Gabriel nur Erscheinung in einem Sinnfeld ist, können auch wir uns nicht in diesem befinden, da das Wohnzimmer ja auch eine Art Konstruktion ist: das Wohnzimmer ist für eine Ameise kein Wohnzimmer…

Die Frage stellt sich nun aber, wo denn all diese Sinnfelder existieren. Sie können abhängig sein von einem Subjekt, dem sie erscheinen (Position des Idealismus), sie können innerhalb des Universums existieren, das selbst kein Sinnfeld ist (Position des Realismus) oder sie können wiederum in anderen Sinnfeldern existieren, was zu einem unendlichen Regress führt und zur absurden Konsequenz, dass die Welt als "Sinnfeld aller Sinnfelder" nicht existiert, obwohl ohne Welt nichts existiert.

Sinnfeldontologie oder Realismus?

Gabriels Philosophie hängt damit gewissermassen in der Luft. Während im Idealismus die Existenz der Aussenwelt gänzlich abgestritten und nur die Existenz von Erscheinungen angenommen wird, stellt Gabriel die Aussenwelt auf eine Stufe mit den Erscheinungen. Sie existiert zwar - bloss nicht unabhängig von einer Erscheinung, unabhängig von einem Sinnfeld. Hier wird Gabriels Vorstellung dann völlig unklar, da er zum einen Sinnfelder und Erscheinungen ohne Subjekt zu akzeptieren scheint (was kaum sinnvoll denkbar ist) und zum anderen die unabhängige Existenz der Aussenwelt abstreitet. Ohne Aussenwelt wird Gabriels Philosophie aber automatisch idealistisch, was durch die notwendige Subjektivität von Sinnfeldern und Erscheinungen noch verstärkt wird. Gabriel gelingt es allerdings solche Ungereimtheiten dadurch zu verschleiern, dass er mit unklaren und "dünnen" Begriffen arbeitet, die er dann auch widersprüchlich anwendet oder indem er Dinge einfach behauptet.

Gabriels Philosophie ist also keinesfalls realistisch, da er die Aussenwelt nur auf eine Stufe stellt mit Erscheinungen, welche notwendig eine subjektive Komponente besitzen - oder eben unabhängig vom Subjekt im Universum existieren müssten. Dies ist eine Art "flaches" Weltbild: alles, was existiert ist gleichwertig, da Existenz von (gleichwertigen) Sinnfeldern abhängt. Indem Gabriel das subjektive Element von Sinnfeldern ignoriert, scheint seine Position eine Mischung aus Realismus und Idealismus zu sein - was sie aber nicht ist.

Der Realismus wiederum verfolgt ein klar "hierarchisches" Weltbild: Vermutlich mit dem Urknall ist die "Aussenwelt", das Universum entstanden, welches sich seither evolutionär entwickelt und bewusstseinsfähige Lebewesen hervorgebracht hat, welchen die Aussenwelt (vereinfacht gesagt) "erscheint". Manche dieser Lebewesen können nun sogar Sinnfelder konstruieren, indem sie nicht einfach wahrnehmen, sondern dem Wahrgenommenen einen Sinn geben. Für sie ist der vorhandene, irgendwie strukturierte Raum nicht einfach ein Abstraktum, sondern beispielsweise ein "Wohnzimmer". Nun lässt sich zwar darüber streiten, was unabhängig von der Wahrnehmung existiert (die Welt an sich), aber dass etwas unabhängig vom Subjekt existiert ist für den Realisten ohne Zweifel, da das Subjekt eben nicht unabhängig von der Welt an sich existiert, sondern direkte Folge davon ist. Diese Vorstellung entspricht dem von Gabriel kritisierten "wissenschaftlichen Weltbild" - allerdings kann man heute mit sehr grosser Sicherheit sagen, dass dieses in den Grundrissen korrekt ist, während Kants Idealismus, auf dem ein wesentlicher Teil der modernen und postmodernen Philosophie basiert als widerlegt gelten kann (»Realismus oder Idealismus). Zumindest ist es weder vereinbar mit der Evolutionstheorie noch mit den meisten naturwissenschaftlichen Grundannahmen - deren Falschheit Gabriel also annehmen müsste.

Fazit

Markus Gabriel kann schreiben und argumentieren. Bloss vereinfacht er vieles, verwendet unklare Begriffe, ignoriert Widersprüche, verwendet rhetorische Kniffs, weshalb seine Gedanken auf den ersten Blick überzeugend klingen mögen - es aber bei genauerem Hinsehen nicht sind. Folgt man seinen Ausführungen kritisch, wird schnell klar, dass es die Welt eben doch geben muss - zumindest die Aussenwelt, welche von Gabriels Hauptargument gar nicht berührt wird und um die es implizit im Titel seines Buches auch zu gehen scheint. 

Literatur

Gabriel, Markus. 2013. Warum es die Welt nicht gibt. Ullstein Hardcover.
Vollmer, Gerhard. 2013. Auf der Suche nach der Ordnung: Beiträge zu einem naturalistischen Welt- und Menschenbild. 2. Aufl. S. Hirzel Verlag.
http://www.ethik-werkstatt.de/Gabriel_Existenz_der_Welt_2.htm
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