Insbesondere in der Philosophie wird die Existenz einer vom Menschen unabhängigen Welt gerne grundsätzlich in Frage gestellt. Doch auch wenn diese Philosophen gute Gründe für ihre Haltung haben, setzen die Naturwissenschaft - wie auch der gesunde Menschenverstand - die Existenz einer bewusstseinsunabhängigen Realität voraus (Philosophische Grundlagen der Naturwissenschaften). Wie und warum kommen also diese Philosophen auf ihre gelinde gesagt erstaunliche Vorstellung und wie lässt sich ein Realismus sinnvoll begründen?

(vgl. auch: »Warum es die Welt doch gibt)

Realismus

Worum es geht

Die Vorstellung, dass eine Welt auch komplett unabhängig von irgendwelchen bewusst wahrnehmenden Lebewesen, respektive "Subjekten" existiert nennt man Realismus (Vollmer: Realismus). Es fällt auf den ersten Blick schwer an dieser Vorstellung zu zweifeln, da "die Welt" auch dann weiter zu bestehen scheint, wenn wir schlafen, sterben oder in irgendeiner Form das Bewusstsein verlieren. Auch scheint es klar zu sein, dass eine im dunklen Urwald verborgene Quelle auch dann existiert, wenn kein einziges Lebewesen in der Nähe ist. Dies zeigt sich nur schon daran, dass der aus der Quelle entstehende Fluss selbst dann nicht versiegt, wenn die Quelle unterirdisch ist und noch nie von einem Lebewesen wahrgenommen wurde oder jemals wahrgenommen werden wird. Doch obwohl ein solcher Realismus sehr offensichtlich erscheint, gibt es viele Vorbehalte dagegen. So lässt er sich zum einen nur schwer beweisen, da uns nur die bewusste Wahrnehmung unmittelbar gegeben ist. Zum anderen gibt es eine starke und sehr einflussreiche philosophische Strömung, welche mit verschiedenen Argumenten zu zeigen versucht, dass die Welt nur eine "subjektive Konstruktion" ist und sich über die Welt "an sich" zumindest nichts mit Gewissheit aussagen lässt. 

Naturalismus

Den Realismus gibt es in zwei Varianten. In der ersten Variante sind Geist und Bewusstsein auf rein natürliche Art und Weise als Folge der unabhängig existierenden Welt entstanden. Man nennt diese Variante deshalb auch Naturalismus. Sie entspricht der Vorstellung der Evolutionstheorie, dass Geist und Bewusstsein genauso natürlicher Bestandteil der Welt sind wie alles andere, was existiert. In einem solchen Naturalismus geht alles mit "rechten Dingen" zu und her, gibt es nichts, was über- oder unnatürlich (in einem nichtmoralischen Sinne) wäre, lässt sich letztlich alles auf die Natur, respektive die Realität zurückführen (Searle: Naturalismus).

Kritisiert wird ein solcher Naturalismus in der Regel deshalb, weil er leicht zu einem Materialismus führt. Sind die Grundbausteine der Natur materiell und lässt sich alles, was existiert auf die Natur zurückführen, müssen auch Gedanken, Bewusstsein, Zahlen etc. letzten Endes ewas Materielles sein, was sie offensichtlich nicht sind - oder zumindest nicht zu sein scheinen. Zudem stellt sich für den Naturalismus die Herausforderung, wie sich die Entstehung von Geist und Bewusstsein auf rein natürliche Weise erklären lässt (»Was ist das Körper-Geist Problem). Während Naturalisten darin ein grundsätzlich lösbares Problem sehen, führen Kritiker an, dass es bis heute nicht ansatzweise gelungen ist, die kausale Interaktion zwischen Gehirn und Bewusstsein zu erklären - das sogenannte Reduktionsproblem (»Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus).

Der Naturalismus wird aber vor allem auch deshalb abgelehnt, da er unvereinbar ist mit den meisten religiösen und esoterischen Ideen: ist alles "natürlich", gibt es nichts Übernatürliches, keine Wunder, keine Engel, keine Gespräche mit Toten, kein "Chi", keine feinstofflichen Kräfte, keinen in die Geschicke der Welt eingreifenden Gott etc. (»Gibt es Übersinnliches?) Da der Naturalismus zudem von einer kausal geschlossenen Welt ausgeht, gibt es keinen Platz für die (klassische) Vorstellung von »WIllensfreiheit oder einer das Leben überlebenden Seele.

Vor allem solche metaphysischen Argumente führen zu einer breiten Ablehnung des Naturalismus, wobei es auch noch weitere erkenntnistheoretische Gründe gibt, die zumindest auf den ersten Blick gegen einen Naturalismus sprechen und die einen gewaltigen Einfluss auf die philosophische Tradition seit der Neuzeit hatten (Kanitscheider: Kantianismus als Antagonismus zum Naturalismus).

Dualismus

Die realistische Alternative zum Naturalismus ist der Leib-Seele Dualismus, der also ebenfalls davon ausgeht, dass eine Welt unabhängig vom wahrnehmenden Subjekt existiert. Als "Vater" des neuzeitlichen Dualismus gilt René Descartes. Descartes hatte im 17. Jahrhundert gezeigt, dass man sich seines eigenen Denkens absolut sicher sein kann. Im Moment, wo ich denke, kann ich das Denken nicht in Frage stellen (cogito, e(r)go sum). Zugleich stellte er die Vorstellung in Frage, dass sich über die Aussenwelt überhaupt etwas wissen lasse: die "Inhalte" des Denkens oder auch jeder bewussten Wahrnehmung könnten zwar aus der Aussenwelt stammen, es könne aber auch sein, dass uns ein "böser Geist" täusche und es gar keine unabhängig vom denkenden, wahrnehmenden Subjekt existierende Aussenwelt gebe. Descartes war allerdings auch der Überzeugung, dass sich die unabhängig vom Menschen existierende Welt mittels Gott beweisen lasse. Zudem glaubte er gezeigt zu haben, dass die Seele als "denkende Substanz" den materiellen ausgedehnten Körper überlebe. Trotz der möglichen Zweifel an der Existenz einer realen Welt war Descartes also der Überzeugung, dass eine solche Realität existiert, er war aber auch der Überzeugung, dass es eine denkende Substanz gibt, die unabhängig von dieser realen Welt existiert. Descartes ging also im Gegensatz zum Materialismus davon aus, dass es zwei verschiedene "Substanzen" gibt, die sich grundsätzlich unterscheiden, die unabhängig voneinander existieren, die aber gleichwohl interagieren können. 

Der Dualismus sieht sich allerdings mit mindestens zwei Herausforderungen konfrontiert und kann heute aus wissenschaftlicher Perspektive ausgeschlossen werden. So stellt sich zum einen die Frage, wie und wo die Interaktion zwischen den unabhängig voneinander existierenden Substanzen (Welt / Seele) stattfinden soll. Man stelle sich eine Seele vor, die unabhängig und losgelöst vom Körper existiert - und dies ausserhalb der bekannten "realen" Welt. Eines Tages ist ein kleines Kind, respektive ein Fötus im Alter, um "beseelt" zu werden, was bedeutet, dass nun eine Seele möglichst schnell an den entsprechenden Körper "andocken" muss und fortan bis zum Tod des Körpers auf Gedeih und Verderb mit diesem Körper verbunden ist. René Descartes glaubte den Sitz der Seele in der Zirbeldrüse gefunden zu haben, was sich als nachweislich falsch herausgestellt hat. Es wurde bis heute aber keine Alternative gefunden und die Interaktion kann aus physikalischen Gründen faktisch ausgeschlossen werden. 

Die zweite Herausforderung besteht darin, dass die beiden Substanzen kaum so grundsätzlich verschieden sein können, wie das Dualisten gerne hätten. Können Seele und Körper kausal interagieren (was nur die wenigsten Dualisten bestreiten), gehören beide Substanzen zum gleichen Kausalnetzwerk (»Kausalität). Da es aber (fast) nicht möglich ist, Kausalität nicht als geschlossenes Netzwerk zu verstehen, muss die eine Substanz auf die andere rückführbar sein. Das heisst entweder sind die Substanzen so verschieden, dass sie nicht interagieren können oder sie können interagieren. Können sie interagieren, muss sich die Seele auf die "körperliche Substanz" rückführen lassen, was die Vorstellung des Materialismus ist oder muss sich der Körper auf die "seelische Substanz" rückführen lassen, was der Vorstellung des Idealismus entspricht (vgl. dazu auch »Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus). 

Idealismus

Worum es geht

Unter anderem der Gedanke, dass nur das subjektiv Erfahrene Gewissheit beanspruchen kann und sich über die Aussenwelt nichts Gewisses ausagen lässt, führte schon kurz nach Descartes zum neuzeitlichen Idealismus, die Gegenposition zum Realismus. Die Welt ist gemäss dem Idealismus nur "Vorstellung" (Schopenhauer), die Welt ausserhalb des (menschlichen) Subjekts existiert nicht real. Für den philosophischen Laien ist diese Idee äusserst seltsam, sie hat aber eine grosse Anziehungskraft für viele "Novizen der Philosophie", wie Bernulf Kanitscheider 2007 etwas zynisch, aber durchaus korrekt geschrieben hat (S. 13f.). Denn auch wenn die Existenz einer Aussenwelt selbstverständlich erscheint, lassen sich darüber - zumindest auf den ersten Blick - leicht Zweifel säen.

Während ich mir sicher sein kann, dass ich dieses Haus vor mir wahrnehme, weiss ich nicht, wie und was es unabhängig von meiner Wahrnehmung ist. Existiert da überhaupt ein Haus oder nur eine Ansammlung von Atomen und Molekülen? Nehme ich überhaupt dieses Haus wahr oder nur irgendwelche Signale, welche durch meine Sinne gefiltert in meinem Bewusstsein "ankommen", also nur Sinnesdaten (Searle: Sinnesdaten)? Zeigen nicht optische Täuschungen, dass die Welt eigentlich ganz anders ist, dass unsere Wahrnehmung durch Prozesse im (allerdings real existierenden?...) Gehirn gefiltert wird? Wäre es nicht sogar möglich, dass die ganze Welt "da draussen" nur eine Täuschung ist und wir nur Gehirne in irgendwelchen Behältern sind, denen eine falsche Wirklichkeit vorgespiegelt wird?

Diese mit dem Film "The MatrixThe Matrix" popularisierte Vorstellung entspricht auf den ersten Blick der Vorstellung des Idealismus. Die "reale" Welt ist nur eine Software und existiert gar nicht "real", respektive ist nur eine Einbildung des wahrnehmenden Subjekts. Bei der Vorstellung von "Gehirnen in Behältern" oder wie im Film von ganzen "Menschen in Behältern", denen eine "falsche" Welt vorgespiegelt wird handelt es sich aber letztlich um eine dualistische Konzeption, da auch noch eine "reale" Welt hinter der "Software-Welt" existiert. Ohne (real existierendes) Gehirn funktionieren diese Beispiele nicht. Dualismen führen jedoch stets zum Problem der Interaktion, was sich im Filmbeispiel daran zeigt, dass mittels Telefonen zwischen den Welten gewechselt werden kann. Diese "Lösung" mag für den Film funktionieren, definitiv aber nicht in "unserer" Realität. 

Die Vorstellung des Idealismus, also dass keine "reale Welt" unabhängig vom bewussten Subjekt existiert, auch nicht ein "Gehirn in einem Behälter", wurde besonders prominent vom Theologen George Berkeley um das Jahr 1710 herum vertreten (Berkeley: Idealismus). Berkeleys Hinwendung zum Idealismus war vor allem weltanschaulich begründet. Er wandte sich explizit gegen den von John Locke vertretenen (realistischen) Materialismus, seine Hinwendung zum Idealismus war wesentlich dadurch begründet, dass der Materialismus dem Atheismus den Boden unter den Füssen wegzuziehen schien. An die Stelle einer real existierenden Welt setzte Berkeley Gott, der dafür verantwortlich sei, dass uns die Realität als permanent erscheine, obwohl keine Welt oder Realität unabhängig von der subjektiven Erfahrung existiere.

Letztlich gestärkt wurde die Vorstellung einer nicht existierenden Aussenwelt durch David Hume, der um das Jahr 1750 herum sogar noch einen Schritt weiterging. Gemäss Hume gibt es nicht nur keinen (rationalen) Grund an die Existenz einer "Aussenwelt" zu glauben, Hume glaubte auch gezeigt zu haben, dass es keine "denkende Substanz" gibt, dass es kein Selbst oder Subjekt, dass es keine Seele gibt. Das Einzige dessen wir uns sicher sein können sind gemäss Hume die bewusst wahrgenommenen Vorstellungen. Keine Welt, aber auch kein Ich oder Selbst - viel hatte Hume nicht übrig gelassen.

Während Humes Skeptizismus in Bezug auf ein Ich vom heutigen Materialismus wieder aufgenommen wird (Singer: Erklärung des Homunculus-Problems), hatte ein anderer Gedanke grosse Auswirkungen auf die darauf folgende Philosophie. Hume hatte auch gezeigt, dass sich selbst dann, wenn eine Aussenwelt existieren sollte, nichts Gewisses über diese aussagen lässt. Denn alle Informationen über die Aussenwelt stammen letztlich durch die Sinne. Auf Sinneserfahrungen basierende Informationen sind aber grundsätzlich induktiv, induktiv erlangte Erkenntnisse können grundsätzlich keine Gewissheit beanspruchen (Humes Problem). Wenn sich aber nichts Gewisses über die Aussenwelt aussagen lässt, lässt sich darüber überhaupt etwas aussagen?

Idealismus - der "Skandal der Philosophie"

Die Leugnung einer subjektunabhängigen Welt hat in der Philosophiegeschichte erstaunlich hohe Wellen geworfen, obwohl die Vorstellung eigentlich unvorstellbar ist. So schreibt beispielsweise Sir Karl Raimund Popper über den Idealismus: "Für mich ist der Idealismus absurd, denn aus ihm folgt so etwas wie dies: daß mein Bewußtsein diese schöne Welt geschaffen hat. Aber ich weiß, daß ich nicht ihr Schöpfer bin. ... Die Leugnung des Realismus kommt dem Größenwahn gleich (der verbreitetsten Berufskrankheit der Fachphilosophen)." (Popper 2012, S. 208)

Bereits Berkeley soll auf ironische Art und Weise auf Probleme des Idealismus hingewiesen worden sein. So soll er einmal bei seinem Freund Jonathan Smith an die Tür geklopft haben, worauf dieser nicht geöffnet habe. Seine Weigerung, die Tür zu öffnen, soll er damit begründet haben, dass die Türe ja nur eine Ansammlung von Berkeleys Ideen sei und nicht unabhängig real existiere. Also müsse er sie doch auch durch seine Gedanken öffnen oder durch sie hindurchgehen können (Musgrave 1993, S. 130).

Einwände dieser Art gibt es sehr viele. So stelle man sich nur einen Krieg vor ohne real existierende Aussenwelt, der also nur als bewusste Vorstellung existiert und wo sich die Bewusstseine gegenseitig auslöschen, ohne dass sich zwischen ihnen etwas befindet. Oder einen Zungenkuss, bei dem sich nicht die Zungen, sondern nur die Bewusstseine treffen. Mit dem Idealismus lässt sich auch kaum erklären, warum sensorische Deprivation, also das völlige Abschneiden von Sinneseindrücken eine sehr brutale Foltermethode ist. 

Ein konsequenter Idealismus würde auch bedeuten, dass der Mond nur existierte, wenn jemand zum Mond hinschaut, respektive eine "Monderscheinung" hat, die aber eben nicht auf einem "realen" Mond basieren dürfte. Das Mondbeispiel geht auf Albert Einstein zurück, der damit manche Interpretationen der Quantenmechanik ad absurdum führen wollte, die - auf dem Idealismus basieren.

Immanuel Kant bezeichnete es als "Skandal der Philosophie und allgemeinen Menschenvernunft, das Dasein der Dinge außer uns (von denen wir doch den ganzen Stoff zu Erkenntnissen selbst für unsern inneren Sinn her haben) bloß auf Glauben annehmen zu müssen und, wenn es jemand einfällt es zu bezweifeln, ihm keinen genugthünden Beweis entgegenstellen zu können." (Kant 1997, Anmerkung zu B XXXIX)

Kant wandte sich aber nicht nur vehement gegen den Idealismus, sondern auch gegen so ziemlich alle anderen Möglichkeiten, was ihm auch den Übernamen "Alleszermalmer" einbrachte: „Durch diese [die Kritik der Vernunft] kann nun allein dem Materialism, Fatalism, Atheism, dem freigeisterischen Unglauben, der Schwärmerei und Aberglauben, die allgemein schädlich werden können, zuletzt auch dem Idealism und Skeptizism, die mehr den Schulen gefährlich sind, und schwerlich ins Publikum übergehen können, selbst die Wurzel abgeschnitten werden.“ (Kant 1997, BXXXIV)

Kant: der transzendentale Idealismus ist kein Idealismus...

Kant wandte sich mit seiner Kritik der reinen Vernunft offensichtlich gegen fast alle "Ismen", erstaunlicherweise sogar gegen den Atheismus. Dies ist vor allem deshalb von Bedeutung, da Kants Philosophie stark geprägt wurde durch metaphysische Erwägungen und bis heute einen enormen Einfluss auf Philosophie und Wissenschaft hat. Bis heute sind Realismus und Materialismus in gewissen Kreisen diskreditiert und wird gegen Realisten gerne der Einwand erhoben, sie seien wieder in die Philosophie vor Kant zurückgefallen. Es stellt sich allerdings zum einen die Frage, ob Kant wirklich dem Materialismus, Fatalismus, Atheismus, Idealismus und Skeptizismus die Wurzel abgeschnitten hat und welche Alternative denn überhaupt noch übrig blieb.

Erstaunlicherweise nannte Kant seine Philosophie "transzendentalen Idealismus", obwohl er den Idealismus ja als "Skandal der Philosophie" bezeichnet hatte. Dies lässt sich damit erklären, dass er unter einem Idealisten nicht denjenigen versteht, "der das Dasein äußerer Gegenstände der Sinne leugnet, sondern der nur nicht einräumt: daß es durch unmittelbare Wahrnehmung erkannt werde, daraus aber schließt, daß wir ihrer Wirklichkeit durch alle mögliche Erfahrung niemals völlig gewiß werden können. (Kant 1997, A368f.)

Gemäss diesem Zitat wäre Berkeley also erstaunlicherweise kein Idealist (!), wäre der "klassische" oder "subjektive" Idealismus, wie Berkeleys Idealismus auch genannt wird gar kein Idealismus. Denn Berkeley, wie auch Hume, leugnen das Dasein äußerer Gegenstände der Sinne komplett. Im Gegensatz dazu leugnet Kants "transzendentaler" Idealismus nicht die Existenz einer unabhängig vom Menschen existierenden Welt, sondern nur, dass wir ihrer jemals völlig (!) gewiss werden können. Eine solche Vorstellung entspricht aber grundsätzlich eher einem Realismus: Kants transzendentaler Idealismus leugnet ja gerade nicht, dass äußere Gegenstände existieren. Bloss, dass wir keine Gewissheit darüber haben können. Mit dem "klassischen" Idealismus hat dieser Kantsche Idealismus-Begriff kaum noch etwas gemein. Vielmehr scheint Kant hier den Begriff des Idealismus quasi zu usurpieren - den er an anderer Stelle allerdings wiederum vehement bekämpft:

"Der Idealismus besteht in der Behauptung, daß es keine anderen als denkende Wesen gebe [...] Ich dagegen sage: es sind uns Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben, allein von dem, was sie an sich selbst sein mögen, wissen wir nichts, sondern kennen nur ihre Erscheinungen, d.i. die Vorstellungen, die sie in uns wirken, indem sie unsere Sinne affizieren. [...] Kann man dieses wohl Idealismus nennen? Es ist gerade das Gegentheil davon.“ (Kant 2000. AA IV 288 f.)

Kant verwendet den Begriff des Idealismus also in zwei völlig verschiedenen Bedeutungen. Er nennt seine Theorie "transzendentalen Idealismus", wehrt sich aber zugelich dagegen seine Philosophie "Idealismus" zu nennen. Solche begrifflichen Ungenauigkeiten sind leider typisch für Kants Transzendentalphilosophie, wie auch Otto Willman in seinem Dreibänder über die Geschichte des Idealismus betont: "In diesem Messen mit doppeltem Maße ist Kant Meister; er wendet die Begriffe, wie er sie eben braucht,..." Willman 1979, S. 328.

Betrachtet man das obige Kant-Zitat etwas genauer, fällt zudem auf, dass sich Kant auch in anderen Belangen direkt selbst widerspricht. Kant sagt zum einen, dass er nichts über die Dinge an sich wisse - obwohl er davon spricht, dass sie mit Gewissheit existieren. Er sagt aber noch viel mehr über die Dinge an sich aus. So zum Beispiel, dass sie "unsere Sinne affizieren" und so Erscheinungen oder Vorstellungen bewirken. "Affizieren" die Gegenstände an sich unsere Sinne, respektive sind sie sogar Ursache der Erscheinungen, dann wissen wir definitiv nicht nichts über diese Gegenstände an sich.

Damit aber ist Kants transzendentaler Idealismus (wenig erstaunlich) gar kein Idealismus, sondern gemäss Kants eigenen Worten eher ein Dualismus, den er wie folgt beschreibt: "Also ist das Dasein aller Gegenstände äußerer Sinne zweifelhaft. Diese Ungewißheit nenne ich die Idealität äußerer Erscheinungen und die Lehre dieser Idealität heißt der Idealism, in Vergleichung mit welchem die Behauptung einer möglichen Gewißheit von Gegenständen äußerer Sinne, der Dualism genennt wird." (Kant 1997, A367) Weiss Kant, dass die "Dinge" "unsere Sinne affizieren", dann handelt es sich bei Kants Philosophie gemäss dieser Darstellung um einen Dualismus, auch wenn Kant dies zu bestreiten scheint.

Warum Kants Philosophie den Materialismus nicht betrifft

Von Bedeutung ist diese Wortklauberei deshalb, da noch bis heute viele Argumente gegen den (materialistischen) Realismus auf Kants (falscher) Transzendentalphilosophie beruhen. Wie wir aber bisher gesehen haben, scheint die Kantsche Philosophie nicht frei von Widersprüchen und problematischen Mehrdeutigkeiten zu sein. Da zudem sehr vieles gegen einen Dualismus oder Idealismus spricht, scheint es Sinn zu ergeben, Kants Philosophie noch etwas genauer zu betrachten und die gegen den Materialismus vorgebrachten Argumente zu analysieren. Denn sollte sich Kants Erkenntnistheorie als falsch herausstellen, würden damit verschiedene Argumente gegen Materialismus und Realismus hinfällig.

Die zwei Grundpfeiler von Kants Philosophie

Eine kompakte und leicht verständliche Zusammenfassung von Kants Transzendentalphilosophie findet sich zum Glück im Aufsatz "»Dinge an sich und der Außenweltskeptizismus. Über ein Missverständnis der frühen Kant-Rezeption" von Tobias Rosefeldt (letztmals abgerufen am 16.5.2014):

"In der Kritik der reinen Vernunft argumentiert Kant bekanntlich dafür, dass Raum und Zeit bloße Formen unserer sinnlichen Anschauung sind und raumzeitliche Eigenschaften folglich nicht den Dingen an sich, sondern nur ihren Erscheinungen zukommen. Dieser These gibt er den Titel „transzendentaler Idealismus“. Aus dem transzendentalen Idealismus folgt für Kant die Unerkennbarkeit der Dinge an sich, weil er annimmt, dass wir ohne Beteiligung unserer Sinne gar nichts erkennen können. Für den transzendentalen Idealismus führt Kant im wesentlichen zwei Argumente an. Das erste geht von der Annahme aus, dass wir von der raumzeitlichen Struktur der Welt a priori, d.h. unabhängig von der Erfahrung, Vorstellungen und Wissen haben, und versucht dann zu zeigen, dass dieser Sachverhalt nur dadurch erklärt werden kann, dass sich die Raum-Zeitlichkeit der von uns wahrgenommenen Welt nicht dieser Welt selbst, sondern der Struktur unseres Wahrnehmungsapparats verdankt.

Das zweite Argument für den transzendentalen Idealismus soll zeigen, dass man nur mit Hilfe der These, dass die Dinge an sich nicht in Raum und Zeit existieren, bestimmte Probleme aus der philosophischen Tradition lösen kann, so z.B. das Problem der Vereinbarkeit von menschlicher Freiheit und kausaler Determiniertheit der Natur oder die sogenannten Antinomien des Weltanfangs oder der Teilung der Materie." (Rosefeldt: Transzendentaler Idealismus)

Kants Philosophie basiert gewissermassen auf zwei Pfeilern. Zum einen folgt Kant den Gedanken von Hume, dass sich nichts mit Gewissheit über die "Aussenwelt" aussagen lässt, wobei Kant allerdings die Existenz einer "Aussenwelt" nicht in Frage stellt. Zum anderen glaubt er nur mit dem Ding an sich bestimmte metaphysische Fragen lösen zu können.

1. Unerkennbarkeit der Dinge an sich und Kopernikanische Wende

Gemäss Kants transzendentalem Idealismus (wir behalten den Begriff bei, auch wenn er wie gezeigt zumindest problematisch ist) lässt sich nichts mit Gewissheit über die Gegenstände an sich, über die Gegenstände wie sie unabhängig vom menschlichen Erkenntnisvermögen existieren aussagen. Um aber nicht ins Kielwasser des klassischen, subjektiven Idealismus (Berkeley) zu geraten, muss Kant die Existenz der Gegenstände an sich mit Gewissheit konstatieren. Doch obwohl Kant immer wieder betont, dass sich (ausser der Existenz) nichts über das Ding an sich aussagen lässt, sagt er so manches darüber aus (siehe oben). Die meisten dieser Aussagen sind allerdings negativer Art: das Ding an sich ist nicht in Raum und Zeit, es ist nicht kausal etc. Auch negative Aussagen sind aber Aussagen, weshalb Kant sich hier widerspricht. Diese Widersprüchlichkeit rund um das Ding an sich durchzieht Kants Philosophie. Während er an der einen Stelle annimmt, dass "Dinge als außer uns befindliche Gegenstände unserer Sinne gegeben" sind, wir aber nichts darüber wüssten, was "sie an sich selbst sein mögen", sie aber gleichwohl "unsere Sinne affizieren" (Kant 2000. AA IV 288 f.), respektive "unsere Sinne rühren" (Kant 1997, B1), schreibt er an wieder anderer Stelle (Kant 1997, B344):

"...so denkt er [der Verstand] sich einen Gegenstand an sich selbst, aber nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung (mithin selbst nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als Realität, noch als Substanz etc. gedacht werden kann (weil diese Begriffe immer sinnliche Formen erfordern, in denen sie einen Gegenstand bestimmen;) wovon also völlig unbekannt ist, ob es in uns oder auch außer uns anzutreffen sei, ob es mit der Sinnlichkeit zugleich aufgehoben werden, oder, wenn wir jene wegnehmen, noch übrig bleiben würde." (Kant 1997, B344). 

Gemäss dieser Stelle ist es also nicht einmal klar, ob der Gegenstand an sich "außer uns anzutreffen sei", was der Vorstellung des (klassischen, subjektiven) Idealismus entsprechen würde, den Kant so vehement bekämpft. In Kants Erkenntnistheorie findet man also materialistisch-realistische Ideen, dass das Ding an sich (zumindest faktische) Ursache der Erscheinungen ist, dualistische Vorstellungen, dass das Ding an sich unabhängig vom Subjekt mit grundsätzlich verschiedenen Eigenschaften existiert, aber auch idealistische Elemente, dass das Ding an sich nur ein Gedanke sein soll. Es ist deshalb wenig erstaunlich, dass jeder das bei Kant findet, was er sucht. Bloss ist es auch wenig erstaunlich, dass eine solche Philosophie falsch sein muss.

Schön formuliert hat die Probleme rund um das Ding an sich Friedrich Heinrich Jacobi bereits 1785, wenige Jahre nach der Veröffentlichung der ersten Auflage der Kritik der reinen Vernunft: „Ich muß gestehen, daß dieser Anstand mich bey dem Studio der Kantischen Philosophie nicht wenig aufgehalten hat, so daß ich verschiedene Jahre hintereinander die Critik der reinen Vernunft immer wieder von vorne anfangen mußte, weil ich unaufhörlich darüber irre wurde, daß ich ohne jene Voraussetzung [das Ding an sich] in das System nicht hineinkommen, und mit jener Voraussetzung darinn nicht bleiben konnte.“ (Jacobi 2004 [1785], 109, zit. in »Rosefeldt, S. 14) 

Der bereits erwähnte Otto Willmann schreibt zu Kants Ding an sich: "Das Ding an sich als Eines-Vieles, ποιόν-αποιόν, Grund-Ungrund, Möglich-Unmögliches ist ein mit so viel Widersprüchen behaftetes Unding, daß ein Denken, welches darauf geführt hat, selbst widersprechend und jedes Wahrheitsgehaltes bar sein muß." Willmann 1979, S. 339. 

Die Vorstellung des Dings an sich ist in der Tat hochgradig problematisch. Befindet sich das Ding an sich nicht in Zeit und Raum führt dies (fast) zwangsläufig zu einem Solipsismus, also der Vorstellung, dass nur ich existiere. Gibt es keine subjektunabhängige Welt in Zeit und Raum, sind verschiedene Subjekte weder räumlich noch zeitlich voneinander getrennt. Eine Interaktion zwischen Subjekten, aber auch eine Interaktion zwischen Subjekt und Dingen an sich kann so faktisch ausgeschlossen werden. Da kann Kant noch so lange betonen, dass ein Ding an sich existiert - existiert dieses nicht in Zeit und Raum, scheint es geradeso gut nicht existieren zu können. 

Werfe ich beispielsweise mit Absicht einen Ball, muss etwas "in mir drin" auf etwas kausal einwirken, das sich ausserhalb von mir befindet und das sich ausserhalb von mir in Zeit und Raum bewegt. Denn nur dann kann der Ball als Gegenstand an sich die Sinne derjenigen Person "rühren", die den Ball auffangen soll. Das Argument, das sich primär gegen jeden Idealismus wendet, gilt auch für den transzendentalen Idealismus Kants, der nicht nur deshalb auf einer sehr schwammigen Grundlage basiert. 

Denn spätestens mit der Veröffentlichung der Evolutionstheorie gut 50 Jahre nach Kants Tod war dessen transzendentaler Idealismus eigentlich hinfällig. Hat sich die Welt über Jahrmilliarden evolutionär entwickelt und allmählich immer komplexeres Leben - wie auch den Menschen - hervorgebracht, dann kann die Raumzeit nicht nur im Subjekt existieren. Vielmehr muss es demnach eine vom Menschen unabhängige Realität geben, die sich auch unabhängig von diesem verändert hat - und zwar bevor es überhaupt bewusste Subjekte gegeben hat. Ein Idealismus kann dieses "Anzestralproblem", wie es Quentin Meillassoux nennt (2008, S. 24), grundsätzlich nicht lösen, Kants Erkenntnistheorie und die Evolutionstheorie sind damit definitiv nicht vereinbar.

Quentin Meillassoux betont zudem, dass die Unterscheidung zwischen transzendentalem und "subjektivem" Idealismus wenig Sinn ergibt: "Infolgedessen spielt sich also alles so ab, als würde die Grenze zwischen dem transzendentalen Idealismus - ein in gewisser Weise urbaner, zivilisierter, vernünftiger Idealismus - und dem spekulativen und sogar subjektiven Idealismus - ein wilder, derber, eher extravaganter Idealismus - alles spielt sich also ab, als würde diese Grenze, die man uns zu ziehen gelehrt hat - und die Kant und Berkeley trennt - verschwimmen, sich auflösen angesichts der fossilen Materie. Gegenüber dem Archifossilen konvergieren alle Idealismen und werden gleichermaßen fabelhaft - alle Korrelationismen entpuppen sich als extreme Idealismen, unfähig sich dazu zu entschließen zuzugeben, dass diese Ereignisse einer Materie ohne Menschen, von der die Wissenschaft spricht, tatsächlich so geschehen konnten, wie die Wissenschaft davon spricht. Und unser Korrelationist befindet sich in gefährlicher Nähe zu jenen zeitgenössischen Kreationisten:..." (Meillassoux 2008, S. 32f.)

Der "Skandal der Philosophie" scheint also nicht unerwarteterweise jede Form von Idealismus zu betreffen - auch Kants eigene Form, die (leider!) bis heute grossen Einfluss hat auf den wissenschaftlichen Diskurs. Markus Gabriel beschreibt denn auch Kant zu Recht als "Vater des Übels der Postmoderne" (Gabriel: Kant als Vater des Übels der Postmoderne). "Die Postmoderne hat dagegen eingewandt, dass es nur die Dinge gibt, wie sie uns erscheinen. Es gebe überhaupt nichts mehr dahinter, keine Welt oder Wirklichkeit an sich. ... Wichtigster Gewährsmann dieser Tradition ist Immanuel Kant." (Gabriel 2013, S. 11)

Ein recht typisches Beispiel für auf dem Idealismus basierende konstruktivistische Vorstellungen beschreibt Paul Boghossian in seinem Buch "Angst vor der Wahrheit" (2013, S. 33): "Als französische Wissenschaftler nach einer Untersuchung der Mumie von Ramses II. (der 1213 vor Christus starb) zu dem Ergebnis kamen, Ramses sei wahrscheinlich an Tuberkulose gestorben, bestritt Latour, dass so etwas möglich sei: "Wie konnte er an einem Bazillus sterben, der 1882 von Robert Koch entdeckt wurde?" Er merkte an, dass die Behauptung, Ramses sei an Tuberkulose gestorben, genauso anachronistisch wäre wie die, er sei im Maschinengewehrfeuer umgekommen. In Latours verwegenen Worten: "Vor Koch hatte der Bazillus keine wirkliche Existenz." Es stellt sich in diesem Zusammenhang allerdings auch die Frage, ob der Bazillus für mich eine wirkliche Existenz haben kann - denn ich habe Bazillen noch nie bewusst erfahren (höchstens Reaktionen auf sie), weshalb sie in meiner subjektiven Erfahrung höchstens vom "Hörensagen" existieren."

Begründet werden idealistische und konstruktivistische Positionen meist mit Humes Problem oder anderen skeptischen Argumenten. Wie lässt sich überhaupt etwas mit Gewissheit wissen? Sind alle unsere Aussagen über die Aussenwelt nicht reine Spekulation? Aus wissenschaftlicher Sicht ist die Antwort auf letztere Frage relativ einfach. Es ist zwar möglich, dass sich die Existenz einer subjektunabhängigen Aussenwelt nicht beweisen lässt, es gibt aber sehr gute Gründe dafür, eine solche anzunehmen. Vollzieht man zudem eine "Kopernikanische Wende", ein Ausdruck, den Kant fälschlicherweise für sich reklamiert hat (Willmann: Kopernikanische Wende), löst sich auch Humes Problem auf. 

Hat sich eine Welt unabhängig vom menschlichen Subjekt über Jahrmilliarden entwickelt und ist das menschliche Subjekt, das menschliche Bewusstsein direkte Folge dieser Welt, dann gelten selbstverständlich für beide die gleichen notwendigen Gesetze. Damit sich die Welt verändern konnte, musste sie raumzeitlich sein, damit sie sich regelmässig verändern konnte, war Kausalität vonnöten. Die Notwendigkeit von Raumzeit und Kausalität ergibt sich also nicht daraus, dass diese "Bedingungen der Möglichkeit von Erfahrung" sind, wie Kant schreibt, sondern "Bedingungen der Möglichkeit von Existenz". Ohne Gültigkeit der klassischen Logik, ohne Raumzeit, aber auch ohne Kausalität kann es keine regelmässige Evolution geben als deren Folge das menschliche bewusste Subjekt entstanden ist.

Die "Kopernikanische Wende" besteht also nicht darin dass sich der Gegenstand der Erfahrung nach dem (menschlichen) Erkenntnisvermögen richtet, wie Kant den Ausdruck verwendet hat (Kant 1997, S. XVI). Die "Kopernikanische Wende" besteht vielmehr darin, wie Kopernikus anzunehmen, dass Mensch und Erde nicht im Zentrum des Universums sind, dass das menschliche, (bewusste) Subjekt reine Folge der unabhängig vom Menschen existierenden Welt ist (vgl. dazu Rey 2010). 

Dass diese Existenzgrundlagen nicht durch die Sinne erfahren, sondern nur aufgrund der Sinneserfahrung erschlossen werden können, tut dabei nichts zur Sache. Auch wenn die Aussenwelt womöglich nicht bewiesen werden kann, besteht der Skandal der Philosophie darin, dass bis heute von vielen Philosophen angenommen wird, dass der simple Gedanke, dass über die unabhängig existierende Welt nichts mit absoluter Sicherheit gewusst werden kann bedeutet, dass diese nicht (in Zeit und Raum) existiert. Quentin Meillassoux hat diesen Gedanken mit besonderer Überzeugungskraft formuliert: 

"Was ist geschehen, dass es so weit kommen konnte? Was ist seit Kant in der Philosophie geschehen, dass die Philosophen - und wie es scheint sie allein - unfähig geworden sind, die kopernikanische Revolution der Wissenschaft als eine wahre kopernikanische Revolution zu verstehen? ... Warum ist die Philosophie, um die Wissenschaft zu denken, einem solchen transzendentalen Idealismus verfallen, anstatt sich, wie es nötig gewesen wäre, entschlossen an einem spekulativen Materialismus zu orientieren?" (Meillassoux 2008, S. 162). 

Die Ablehnung eines (zumindest spekulativen, nichtdualistischen) Realismus ist wohl weniger aus philosophischen oder wissenschaftlichen Gründen geschehen, sondern aus metaphysischen. Gerade auch Kant versuchte ein vorkopernikanisches Weltbild zu retten. 

2. Metaphysik

Kant hatte versucht die Erfordernisse der praktischen und der theoretischen Philosophie in Übereinstimmung zu bringen. Dabei stellte er offensichtlich die praktische Philosophie über die theoretische. Worum es Kant mit seiner Kritik ging, hat er in einer Fussnote auf Seite BXL der Vorrede zur zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft klar formuliert:

"Nun wollen wir annehmen, die durch unsere Kritik notwendiggemachte Unterscheidung der Dinge als Gegenstände der Erfahrung, von eben denselben, als Dingen an sich selbst, wäre gar nicht gemacht, so müßte der Grundsatz der Kausalität und mithin der Naturmechanismus in Bestimmung derselben durchaus von allen Dingen überhaupt als wirkenden Ursachen gelten. Von eben demselben Wesen also, z. B. der menschlichen Seele, würde ich nicht sagen können, ihr Wille sei frei, und er sei doch zugleich der Naturnotwendigkeit unterworfen, d. i. nicht frei, ohne in einen offenbaren Widerspruch zu geraten;"

Nicht ohne Ironie ist, dass Kant hier zwar davon spricht, dass er nicht "in einen offenbaren Widerspruch" gerate, er aber offensichtlich (!) genau dies tut. Von demselben Wesen kann natürlich nicht gesagt werden, dass es zugleich frei und nicht frei sei - ausser man begeht einen Widerspruch. Ist das Ding an sich und das Ding als Erscheinung dasselbe, kann nicht das eine frei und das andere nicht frei sein, so wie es die menschliche Seele oder der menschliche Wille nicht sein kann. Handelt es sich beim Ding an sich und beim Ding als Erscheinung aber nicht um dasselbe - kann auch die Seele als Einheit nicht Eigenschaften der beiden "Dinge" haben, wenn diese Eigenschaften widersprüchlich sind.

Kant benötigt das Ding an sich, um die dualistische Vorstellung von »Willensfreiheit zu "retten": der Mensch kann dieser Vorstellung gemäss ohne selbst verursacht zu sein in die physische "reale" Welt hineinwirken. Kant geht deshalb davon aus, dass die "Seele" (ein Begriff, den er ansonsten bekämpft) sowohl Ding an sich (ohne Ursache) als auch Ding als Erscheinung (mit Ursache) ist. Damit aber ist Kants Begriff der Seele oder des Subjekts widersprüchlich. 

Die Problematik lässt sich auch so formulieren: ist der Wille der "Seele" Ding an sich, befindet er sich nicht in Zeit und Raum und ist (grundsätzlich!) nicht kausal. Ohne Kausalität kann er aber auch nicht "ohne Ursache" verursachen. Kant muss deshalb davon ausgehen, dass der Wille zugleich nicht kausal und kausal ist, was sich ohne Widerspruch nicht denken lässt. Damit aber ist Kants "Lösung" der Willensfreiheitsproblematik hinfällig. 

Wie zudem längst eindeutig gezeigt worden ist, lässt sich eine solche Form von Willensfreiheit nicht nur nicht widerspruchsfrei denken, sondern wir würden sie auch nicht als frei empfinden. Empfohlen sei an dieser Stelle das Buch "Handwerk der Freiheit" von Peter Bieri, die Thematik wird aber auch im Themenbereich »Willensfreiheit näher besprochen, insbesondere im Artikel »Existiert Willensfreiheit?

Fazit

Es ist sehr erstaunlich, dass gerade in intellektuellen Kreisen die Vorstellung eines Realismus gerne als "naiv" bezeichnet wird und die Ideen der Postmoderne sich verbreiten konnten. Verantwortlich dafür sind die in diesem Beitrag besprochenen Gedanken rund um die Unerkennbarkeit der Welt, insbesondere aber Immanuel Kants widersprüchliche Philosophie, die für viele heute noch sakrosankt ist. Kant hat zwar viele wichtige Beiträge geliefert, der Grundgedanke seiner Philosophie war aber letztlich reaktionär, da er ein vorkopernikanisches Weltbild zu retten versuchte (Kanitscheider: fatale Folgen Kants). 

Eingestanden werden muss natürlich, dass die Blume vor mir nicht farbig "an sich" ist, dass der Wasserfall nicht ohne wahrnehmendes Wesen rauscht. Doch Blume und Wasserfall existieren auch unabhängig von einer Wahrnehmung in einer bestimmten Gestalt, die unabhängig von einem "Erkenntnisvermögen" ist. Egal, ob jemand blind oder taub ist, egal ob für Fledermaus oder Gecko, treffen sie auf eine Mauer, hat diese gewisse Eigenschaften, wie dass sie für all diese Wesen undurchdringlich ist. Dass der Blinde sich womöglich an der Mauer stösst, die Fledermaus ihr fliegend ausweicht und der Gecko an der Mauer hochklettert bedeutet, dass "etwas" mit gewissen Eigenschaften in Raumzeit existiert, das kausale Auswirkungen hat ohne Teil eines (wahrnehmenden) Subjekts zu sein. Dies auch unabhängig davon, ob sich über diese Mauer ohne Sprache nichts aussagen lässt oder dass die Mauer von Fledermaus, Blindem und Gecko je ganz unterschiedlich wahrgenommen wird (Gabriel: Wir haben Zugang zu den Dingen an sich).

Ein solcher (minimaler) Realismus ist Voraussetzung jeder Wissenschaft und es stellt sich die Frage, ob insbesondere Geisteswissenschaften, die einen solchen Realismus ablehnen überhaupt zur Wissenschaft gezählt werden können. Denn zumeist wird die Ablehnung des Realismus mit metaphysischen Vorstellungen begründet, da ein solcher Realismus (fast) zwingend zu einem Naturalismus, Physikalismus oder Materialismus führt, der keinen Raum lässt für metaphysische Vorstellungen wie eine Seele, Willensfreiheit oder einen in die Geschicke der Welt eingreifenden Gott. Wissenschaft darf sich aber nicht an metaphysischen Wünschen, sondern muss sich an der Realität orientieren.

Viele religiöse und weltanschauliche Vorstellungen setzen einen »Leib-Seele-Dualismus voraus, der aber inzwischen als unmöglich betrachtet werden muss. In der Wissenschaft spielt der Dualismus mit guten Gründen keine Rolle mehr, auch wenn es natürlich noch Exoten gibt, die einen Dualismus (zumindest teilweise) vertreten wie beispielsweise »Frau Falkenburg. Ein Idealismus mag für Geisteswissenschafter einen gewissen Reiz haben, ernsthaft vertreten lässt er sich aber kaum, zumal sowohl Dualismus wie Idealismus nicht evolutionskompatibel sind. Es existieren zwar noch weitere exotische Möglichkeiten wie ein »Panpsychismus, der allerdings offen widersprüchlich ist. Eine Alternative zu einem zumindest minimalen Realismus scheint es aus wissenschaftlicher Sicht deshalb nicht zu geben. Es scheint schlicht keine Alternative zu geben zur Vorstellung, dass sich die materielle Welt über Jahrmilliarden unabhängig von einer bewussten oder unbewussten Psyche entwickelt hat - egal ob man jemals wissen kann, wie diese unabhängig existierende Welt genau "aussieht" oder funktioniert. Dies bedeutet allerdings, dass viele Vorstellungen aus dem religiös-esoterischen Bereich aufgegeben und anderweitig erklärt werden müssen, was in den letzten Jahren auch grösstenteils gelungen ist.

Dass sich auch viele Wissenschaftler und Philosophen damit nicht abgeben können, zeigt die grosse Auswahl an "skeptischer" Literatur zu diesem Thema. Ob »Thomas Nagel»Rupert Sheldrake, »Markus Gabriel oder »Brigitte Falkenburg - viele "Bestseller" wehren sich leider meist mit bemerkenswert schwachen Argumenten gegen einen (materialistischen, naturalistischen) Realismus. Insbesondere gelingt es diesen Autoren aber auch nicht, Alternativen aufzuzeigen, die auch nur widerspruchsfrei denkbar sind. Die Frage nach Realismus, Dualismus oder Idealismus kann deshalb faktisch als geklärt gelten, auch wenn letzte Zweifel nie zu beheben sind: hat sich die Welt evolutionär entwickelt, muss der (naturalistische) Realismus wahr sein, müssen aber auch Geist und Bewusstsein durch evolutionäre Prozesse hervorgebracht worden sein und werden (von Kutschera: Materialismus, Evolution und Leibniz-Gesetz). 

Die Frage bleibt allerdings offen, wie sich in einem solchen naturalistischen Realismus metaphysische Fragen wie jene nach Gott oder der menschlichen Freiheit, respektive nach der Möglichkeit von Moral und Ethik beantworten lassen. Ebenfalls offen bleibt die Frage, wie sich Bewusstsein auf naturalistische Art und Weise erklären lässt. Mögliche Antworten auf diese Fragen finden Sie in argumentarium.ch.

Weiterführende Artikel

»Philosophische Grundlagen der Naturwissenschaften

»Was ist das Körper-Geist (mind-body) Problem?

»Löst der Materialismus das Körper-Geist (mind-body) Problem?

»Gibt es Übersinnliches?

Im Text erwähnte Literatur - vgl. auch »Bibliographie

Boghossian, Paul. 2013. Angst vor der Wahrheit: Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. Deutsche Erstausgabe. Suhrkamp Verlag.
Gabriel, Markus. 2013. Warum es die Welt nicht gibt. Ullstein Hardcover.
Kanitscheider, Bernulf. 2007. Die Materie und ihre Schatten: Naturalistische Wissenschaftsphilosophie. 1. Aufl. Alibri.
Kant, Immanuel. 1997. Philosophische Bibliothek, Bd.505, Kritik der reinen Vernunft. Nach der 1. und 2. Originalausgabe, mit einer Bibliographie. Meiner.
---. 2000. Philosophische Bibliothek, Bd.540, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissenschaft wird auftreten können. Meiner.
Meillassoux, Ouentin. 2008. Nach der Endlichkeit. Diaphanes Verlag.
Musgrave, Alan. 1993. Alltagswissen, Wissenschaft und Skeptizismus: Eine historische Einführung in die Erkenntnistheorie. 1. Aufl. UTB, Stuttgart.
Popper, Karl R. 2012. Lesebuch: Ausgewählte Texte zur Erkenntnistheorie. Philosophie der Naturwissenschaften. Metaphysik. Sozialphilosophie (Uni-Taschenbücher 2000) von Karl R. Popper (1997) Taschenbuch. 2. durchges. Aufl. UTB. Stuttgart.
Rey, Martin. 2010. Die Kopernikanische Revolution der Denkart: Die Ironie des Schicksals. 1. Aufl. Monsenstein und Vannerdat.
Willmann, Otto. 1979. Geschichte Des Idealismus, Volume 3. Nabu Press.

 

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