„Sind Wissenschaft und Religion wirklich so unvereinbar? Oder kann man mithilfe der Quantenphysik nachweisen, dass sie zusammengehören - als zwei Erfahrungsweisen des modernen Menschen, die einander ergänzen?“ [1]

Was der Trend- und Zukunftsforscher Mathias Horx 2007 im P.M. Magazin geschrieben hat spiegelt die Hoffnung vieler Menschen auf eine Verschmelzung von Wissenschaft und Glauben. Ermutigt werden sie dabei dadurch, dass Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts mit der Quantenphysik oder besser Quantenmechanik eine naturwissenschaftliche Theorie entwickelt wurde, die in vielerlei Hinsicht nicht kompatibel ist mit der klassischen Wissenschaft, dafür aber möglicherweise mit religiösen und parawissenschaftlichen Ideen. Doch ist die Quantenmechanik wirklich die wohl letzte Ausfahrt aus dem klassisch-wissenschaftlichen Denken oder lässt sich diese Strasse nicht mehr ernsthaft verlassen?

Evolution

Zu den wichtigsten Fronten im Streit zwischen Wissenschaft und Religion gehört sicherlich der Streit zwischen Kreationisten und Evolutionstheoretikern. Stimmt die Evolutionstheorie, dann sind viele Formen von Religion undenkbar, zumal wenn man davon ausgeht, dass der Gedanke der Evolution kaum Platz lässt für ein Leben nach dem Tod. Die grösste Stärke der Evolutionstheorie liegt darin begründet, dass sie auf einem logisch nicht widerlegbaren Kern basiert: „es (hat) überlebt, was überlebt (hat)“. Gibt es sich reproduzierende, von begrenzten Ressourcen abhängige Lebewesen, kann nicht jedes Lebewesen überleben, weshalb nur diejenigen überleben, die überleben. Genau dies meint „Survival of the Fittest“. Man kann diesen Kern auch auf Nichtlebewesen ausbauen und sagen, dass auch Steine oder Moleküle oder halt alles, was heute existiert bis heute „überlebt“ hat. Probleme ergeben sich insbesondere dann, wenn man von der Gegenwart weggeht und feststellen will, welcher Stand vor beispielsweise 100’000 Jahren geherrscht hat. Hier passieren Fehler und existieren natürlich Lücken in der Theorie, auf die Kreationisten gerne verweisen. Gleichwohl konnte die Evolutionstheorie bislang nicht falsifiziert werden und gehört deshalb, gerade auch wegen ihres logischen, widerspruchsfreien Kerns, zu den Grundpfeilern der Wissenschaft und zu deren Speerspitzen gegen die Religion.

Quantenmechanik

Mindestens ebenso bewährt wie die Evolutionstheorie hat sich die Quantenmechanik. Diese beschäftigt sich mit den Eigenschaften der Welt, wie sie im atomaren und subatomaren Bereich anzutreffen sind. Sie zeigt, dass im Bereich des „Allerkleinsten“ Gesetze zu herrschen scheinen, die eher an Alice’s Wunderland, als an die Gesetze der klassischen Physik erinnern. Doch trotz intensivster Versuche ist es bis heute nicht gelungen, die seltsamen Effekte der Quantenmechanik zu falsifizieren. Im Gegenteil basieren sehr viele heutige technische Geräte direkt oder indirekt auf quantenmechanischen Effekten. Auch ihre mathematischen Formalismen sind komplett widerspruchsfrei und erlauben Vorhersagen, die sich empirisch bestens bestätigen lassen und bestätigt haben. Gleichwohl hat man es bislang nicht geschafft, ihre Ergebnisse widerspruchsfrei zu deuten und zu verstehen. Es kann lediglich gesagt werden, dass die Quantenmechanik funktioniert. Wie sie funktioniert bleibt ein Rätsel.
Als gutes Beispiel für die Absurdität der Quantenmechanik dient das so genannte Doppelspaltexperiment. Vereinfacht gesagt werden in diesem Experiment Quantenobjekte wie zum Beispiel Elektronen oder Photonen durch zwei Spalten hindurchgeschickt. Diese Quantenobjekte treffen hinter den Spalten auf eine Art Leinwand, auf welcher sie ein spezifisches Muster hinterlassen. Ist bekannt, durch welche Spalte ein einzelnes Quantenobjekt „hindurchfliegen“ wird, zeigen diese ein völlig klassisches, normales Verhalten. Beobachtete Quantenobjekte haben nichts „mysteriöses“ an sich und verhalten sich im Prinzip wie Fussbälle, die man durch zwei Spalten in einer Wand schiesst.
Werden die Quantenobjekte jedoch losgeschossen, ohne dass auf irgendwelche Weise bekannt ist durch welche Spalte sich die einzelnen Quantenobjekte bewegen werden, sind sie also „unbeobachtet“, zeigen sie ein eigentlich unmögliches Verhalten. Betrachtet man das Muster, das die Quantenobjekte auf der Leinwand hinterlassen, nachdem sie (unbeobachtet) die zwei Spalten passiert haben, scheint sich das Muster nur erklären zu lassen, wenn die unbeobachteten Quanten unter anderem zugleich Teilchen und Wellen sind. Sie scheinen ein widersprüchliches Verhalten zu zeigen.

Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik

Dies behauptet zumindest die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik. Diese geht auf wichtige Begründer der Quantenmechanik, insbesondere auf Niels Bohr und Werner Heisenberg zurück, die in den 1920er Jahren in Kopenhagen versucht haben, die beobachteten Effekte zu erklären. Sie ist zwar nicht die einzige Deutung dieser Effekte, hat sich aber in Physikkreisen durchgesetzt und gehört heute zum physikalischen Kanon. Von der Kopenhagener Deutung gibt es keine offizielle Version, im Gegenteil lassen sich „schwächere“ und „stärkere“ Versionen unterscheiden. Allen gemein ist eine strikte Trennung zwischen beobachteten und unbeobachteten Quantenobjekten. Während beobachtete Quantenobjekte unbestrittenermassen klassisches, also „normales“ Verhalten zeigen, unterscheiden sich die Deutungen darin, was im Unbeobachteten geschieht.

Kopenhagener Deutung und Klassische Logik

Stärkere Versionen der Kopenhagener Deutung akzeptieren die Widersprüchlichkeit der unbeobachteten Quantenobjekte. Sie besagen, dass für unbeobachtete Quantenobjekte die klassischen naturwissenschaftlichen und logischen Gesetze nicht oder höchstens teilweise gälten. Was das bedeutet hat Erwin Schrödinger bereits in den 1930er Jahren mit seinem berühmten „Katzenbeispiel“ formuliert. Wenn man die Kopenhagener Deutung nicht auf Quantenobjekte, sondern auf Katzen anwenden würde, würde sie besagen, dass eine Katze so lange „zugleich tot und lebendig“ wäre, bis sie beobachtet würde. Auch wenn dieser widersprüchliche Effekt für Katzen nicht gilt, sondern nur für die Welt der (unbeobachteten) Quantenobjekte, zeigt das Beispiel plastisch, dass gemäss der Kopenhagener Deutung die Welt der unbeobachteten Quantenobjekte Widersprüche enthalten müsste. Widersprüche jedoch gibt es nicht. Eine Katze, die zugleich tot und lebendig ist, ein lebender Hase, der tot Schlittschuh läuft, um auf ein bekanntes Gedicht Bezug zu nehmen existiert nicht. Es ist des Weiteren unmöglich, über Widersprüchliches oder Nicht-Existentes eine wahre Aussage zu machen, da ein (logischer) Widerspruch oder etwas, das nicht existiert keinen Wahrheitswert hat.

Kopenhagener Deutung und Beobachterabhängigkeit

Das ist ein Grund, weshalb von verschiedenen Vertretern der Kopenhagener Deutung behauptet wird, dass die anscheinend widersprüchliche Welt der Quantenobjekte unabhängig von einer bewussten Beobachtung gar nicht existiere. Werner Heisenberg, Mitbegründer der Kopenhagener Deutung beschrieb diesen Gedanken wie folgt:

„Die Idee einer objektiven realen Welt, deren kleinste Teile objektiv im selben Sinn existieren wie Steine und Bäume, unabhängig davon, ob wir sie beobachten oder nicht, ist unmöglich.“ [2]

Noch einen Schritt weiter geht Anton Zeilinger, einer der aktuell profiliertesten Quantenphysiker und wie eine grosse Mehrheit der Physiker Anhänger der Kopenhagener Deutung:

„Wir müssen uns wohl von dem naiven Realismus, nach dem die Welt an sich existiert, ohne unser Zutun und unabhängig von unserer Beobachtung, irgendwann verabschieden.“ [3]

Für Zeilinger ist nicht nur die unbeobachtete Welt der Quantenobjekte von einem bewussten Beobachter abhängig, sondern auch die klassische Welt um uns herum - die Steine und Bäume. Diese Vorstellung einer von einem bewussten Beobachter abhängigen Welt basiert letztendlich auf der Philosophie des Deutschen Idealismus aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Sie hat zusammen mit der Theorie des Körper-Geist Dualismus die Entstehung der Kopenhagener Deutung stark beeinflusst. Doch sowohl Dualismus wie auch Idealismus sind in der aktuellen Philosophie und Naturwissenschaft längst überholt. Die komplette Absurdität der Idee einer von einem Beobachter abhängigen Welt hatte angeblich einst Albert Einstein, zeitlebens Gegner der Kopenhagener Deutung, zur spöttischen Bemerkung veranlasst, dass der Mond auch existiere, wenn keiner hinschaue.

Kopenhagener Deutung und Wissenschaft

Doch genau dies besagen beobachterabhängige Versionen der Kopenhagener Deutung. Der letztendlich aus Quantenobjekten bestehende Mond ist nicht da, wenn ihn niemand beobachtet. Damit aber sind solche Formen der Kopenhagener Deutung nicht vereinbar mit den meisten wissenschaftlichen Theorien, insbesondere auch nicht mit der Evolutionstheorie. Diese besagt ja gerade, dass sich das Universum während Jahrmilliarden entwickelt hat und sich im Laufe dieses Prozesses erst Hirne entwickelt haben, die Bewusstsein hervorbringen. Bewusstsein kann demnach nicht verantwortlich sein für die Existenz der Welt (inklusive Hirne). Zudem geht die Wissenschaft davon aus, dass sich das Universum die längste Zeit entwickelt hat, ohne beobachtet worden zu sein. Die Vorstellung, dass das Licht eines Lichtjahre entfernten Sterns erst im Moment der bewussten Beobachtung zu existieren beginnt, ist regelrecht absurd. Als Lösung für dieses Problem wird insbesondere von religiös-mystischen Kreisen gerne die Behauptung aufgestellt, dass es ein „göttliches“ oder „kosmisches“ Bewusstsein gebe, das alles beobachte oder dass „alles“ Bewusstsein sei. Solche Theorien helfen aber nicht weiter, nur schon deshalb, weil die Kopenhagener Deutung auch Unbeobachtetes voraussetzt.
Die Beobachterabhängigkeit ist nicht nur absurd, sondern widerspricht auch der Tatsache, dass unbeobachtete Quantenobjekte Regeln befolgen. Beobachtete Quantenobjekte können nur eine sehr begrenzte Zahl von Zuständen einnehmen, und verhalten sich in vielerlei Hinsicht extrem regelmässig. Somit aber müssen sie auch zwischen zwei Beobachtungen existieren.  

Schwächere Formen der Kopenhagener Deutung

Solche Widersprüche umgehen schwächere Formen der Kopenhagener Deutung. Wie eine solche aussieht, hat Carl Friedrich von Weizsäcker in seinem Buch „Die Einheit der Natur“ beschrieben:

„Die Kopenhagener Deutung wird oft, sowohl von einigen ihrer Anhänger wie von einigen ihrer Gegner, dahingehend missdeutet, als behaupte sie, was nicht beobachtet werden kann, das existiere nicht. Diese Darstellung ist logisch ungenau. Die Kopenhagener Auffassung verwendet nur die schwächere Aussage: „Was beobachtet worden ist, existiert gewiss; bezüglich dessen, was nicht beobachtet worden ist, haben wir jedoch die Freiheit, Annahmen über dessen Existenz oder Nichtexistenz einzuführen.“ Von dieser Freiheit macht sie dann denjenigen Gebrauch, der nötig ist, um Paradoxien zu vermeiden.“ [4]
 
Diese Unterscheidung ist von enormer Bedeutung. Im Bereich der Quantenobjekte lässt sich nur Gewisses über dasjenige aussagen, was auch beobachtet worden ist. Sobald eine (je nach Deutung: bewusste) Messung vorgenommen wurde, verhalten sich Quantenobjekte auf völlig klassische Art und Weise. Über alles Unbeobachtete lassen sich jedoch lediglich Annahmen machen, befinden wir uns also im Bereich der Spekulation. Diese Annahmen können stimmen, können auch falsch sein, doch dürfen sich daraus keine Widersprüche - Paradoxien ergeben. Dies lässt sich auf zweierlei Art verstehen. Entweder müssen sich auch unbeobachtete Quantenobjekte an die Gesetze der Logik halten oder die Welt der unbeobachteten Quantenobjekte darf Widersprüche enthalten, wenn damit Widersprüche im beobachteten Teil behoben werden können.
Aus physikalischer Perspektive scheint die zweite Möglichkeit durchaus akzeptabel zu sein. Erklärt werden sollen die Beobachtungen und was die mathematischen Berechnungen ergeben haben. Die Kopenhagener Deutung stellt dafür ein pragmatisches Hilfsmittel dar, das funktioniert, obwohl es Widersprüche im Bereich der unbeobachteten Quanten akzeptiert. Die Kopenhagener Deutung ist deshalb aus pragmatisch-physikalischer Perspektive durchaus sinnvoll. Doch aus philosophischer Perspektive ist nur die erste Möglichkeit denkbar. Annahmen über das Unbeobachtete dürfen keine Widersprüche enthalten - oder es lassen sich darüber keinerlei positiven Aussagen machen. Starke Formen der Kopenhagener Deutung sind deshalb philosophisch gesehen eindeutig falsch, da sie nicht nur Widersprüche im Unbeobachteten behaupten, sondern auch Aussagen über angeblich Nicht-Existentes oder Widersprüchliches machen.  

Kopenhagener Deutung und Parawissenschaft

Diese beiden Perspektiven - pragmatische und philosophische - werden leider oft vermischt. Viele Vertreter der Kopenhagener Deutung machen positive Aussagen über die unbeobachtete Welt der Quantenobjekte, ohne eindeutig darauf zu verweisen oder sich bewusst zu sein, dass es sich dabei nur um ein Gedankenkonstrukt und nicht um die Realität handelt. Diese positiven Aussagen werden von Philosophen und „Paraphilosophen“, von Esoterikern und Religionsvertretern noch so gerne aufgenommen, um die klassische naturwissenschaftliche und materialistische Weltsicht scheinbar zu widerlegen. Hier finden wir angeblich den „missing link“ zwischen Wissenschaft und Religion, auf den Mathias Horx verweist. Schliesslich sind sich Religionsvertreter ja durchaus gewohnt, Widersprüchliches zu behaupten oder positive Aussagen über nicht Existierendes zu machen.
Die Kopenhagener Deutung hat durch ihre scheinbare Akzeptanz von Widersprüchen und das Postulieren einer Welt, in welcher „andere“ Gesetze herrschen sollen, dem nichtwissenschaftlichen Denken Auftrieb gegeben. Endlich schien es eine empirisch bestens bestätigte Theorie zu geben, die der klassischen Wissenschaft widersprach und dieser sogar überlegen zu sein schien. Dass es sich bei der Kopenhagener Deutung jedoch nur um eine Deutung handelt, zu der es Alternativen gibt wurde gerne ignoriert. Kopenhagener Deutung und Quantenmechanik sind nicht dasselbe und die Effekte, die die Kopenhagener Deutung zu deuten versucht, gelten nur im Bereich der unbeobachteten Quantenobjekte und könnten wenn schon nur die wenigsten paranormalen oder religiösen Ereignisse zu erklären helfen.
Gleichwohl scheint die Kopenhagener Deutung eine Lücke in der Wissenschaft zu öffnen und diese Lücke wird intensiv genutzt. Wer es schafft, seine Theorie mit der Quantenmechanik oder eben meist starken Formen der Kopenhagener Deutung in Verbindung zu bringen, hat damit eine scheinbar „absolute“ Autorität auf sicher. Schliesslich gibt es kaum eine wissenschaftlichere und besser bestätigte Theorie als jene der Quantenmechanik. Und deshalb soll es auch kaum eine erfolgreichere Heilmethode geben als die „Quantenheilung“, die angeblich auf Quanteneffekten beruht. Auch die Wirkung von Homöopathie oder von „belebtem“ Wasser wird gerne mit Hilfe der Quantenmechanik erklärt. So schreibt Daniel Bouhafs in seinem Buch zur Komplementärmedizin:

„Inzwischen zeichnet sich immerhin die Erkenntnis ab, dass Wasser mit grosser Wahrscheinlichkeit doch ein „Gedächtnis“ hat und Informationen speichern kann, weshalb eine [homöopathische] Hochpotenz nicht mehr chemisch, sondern (quanten)physikalisch wirkt.“ [5]

Es gibt inzwischen hunderte von parawissenschaftlichen Büchern, die sich auf die Quantenmechanik oder in der Regel auf die Kopenhagener Deutung berufen. Ob „Der Quanten Code“, das „Quantenland“, „Quanten-Intelligenz“, „Quantenherz“, „Quantenphilosophie und Spiritualität“, „Quanten-Bewusstheit“, „Landschafts-Quanten“, „Quanten-Yoga“, „Der Quanten-Mensch“, „Der Quantensprung des Denkens“ - die Auswahl ist fast unbegrenzt.  
Natürlich sind (fast) alle dieser Bezüge aus wissenschaftlicher Perspektive problematisch und sind meist mit keiner quantenmechanischen Deutung wirklich zu vereinen. Doch auch in der wissenschaftlichen Philosophie hat die Quantenmechanik ihre Spuren hinterlassen. Insbesondere bei der Frage nach der menschlichen Willensfreiheit berufen sich auch seriöse Philosophen wie beispielsweise John R. Searle auf Effekte der Quantenmechanik, respektive eben der Kopenhagener Deutung. Denn die klassische Physik ist deterministisch und schliesst Formen von Willensfreiheit aus, die notwendig sind für viele religiöse Vorstellungen und scheinbar notwendig für die menschliche Gesellschaft und die Möglichkeit von Moral. Dies ist wohl auch ein Punkt, wo Mathias Horx ansetzt und neue Perspektiven für eine mögliche Verbindung zwischen Wissenschaft und Religion erkennt.

Kopenhagener Deutung und der objektive Zufall

Doch ist die Quantenmechanik wirklich indeterministisch und ermöglicht damit menschliche Willensfreiheit oder ist das nur eine weitere positive Aussage über das Unbeobachtete, die die Kopenhagener Deutung macht? Immerhin haben sogar deren Begründer immer wieder betont, dass im Bereich der unbeobachteten Quantenobjekte der objektive Zufall herrsche.
Unter objektivem Zufall wird das absolute Fehlen von Ursachen und die Unmöglichkeit einer eindeutigen Berechnung verstanden. „Würfeln“ beispielsweise basiert auf „relativem“ und nicht auf objektivem Zufall. Es lässt sich zwar unter normalen Umständen höchstens die Wahrscheinlichkeit berechnen, welche Würfelseite oben liegen wird, doch kennt man sämtliche relevanten Ursachen wie die genaue Beschaffenheit des Würfels und der Unterlage, die Kraft mit der der Würfel geworfen wird etc., lässt sich exakt berechnen, auf welcher Seite der Würfel landen wird. Der Wurf ist damit prinzipiell berechenbar und daher determiniert und komplett verursacht.
 In der Quantenmechanik jedoch ist dies grundsätzlich nicht möglich. Unabhängig von der Deutung lässt sich unmöglich eindeutig berechnen, wo ein Quantenobjekt sich zu einem bestimmten Zeitpunkt befindet - es ergäbe sich ein mathematischer Widerspruch. Damit liegt der Schluss nahe, dass in der Welt der Quantenobjekte der objektive Zufall vorherrscht und Quantenobjekte ohne selbst verursacht zu sein bewirken können. Genau dieser Schluss gehört zu den am weitesten verbreiteten Irrtümer über die Welt der Quantenobjekte. Vor allem in parawissenschaftlichen, esoterischen und philosophischen Büchern, seltener auch in ansonsten seriösen physikalischen Abhandlungen wird darauf Bezug genommen und oft mit Nachdruck festgehalten, dass seit der Entdeckung der Quantenmechanik die Vorstellung einer rein kausalen, determinierten Welt hinfällig sei. Es sei eindeutig und letztgültig bewiesen, dass in der Welt der Quantenobjekte der objektive Zufall herrsche. Doch wenn wir uns an von Weizsäckers Zitat halten, lässt sich selbst gemäss der Kopenhagener Deutung keine zwingende positive Annahme machen über unbeobachtete Quantenobjekte. Es liesse sich höchstens sagen, dass wir annehmen müssten, die unbeobachteten Quantenobjekte verhielten sich objektiv zufällig, um Paradoxien in unseren Beobachtungen zu vermeiden. Bloss lassen sich die gemachten Beobachtungen gar nicht mit objektivem Zufall erklären.
Gut illustrieren lässt sich der begangene Fehlschluss anhand Einsteins berühmtem Ausspruch „der Alte würfelt nicht!“ [6], mit dem er die Existenz objektiven Zufalls angezweifelt hat. Wenn „der Alte“, gemeint damit ist natürlich „Gott“, würfeln würde, dann wäre „der Alte“ die Ursache des Würfelns und das Würfeln damit höchstens relativ zufällig. Würde jedoch der „Alte“ nicht würfeln, würde also niemand würfeln, dann gäbe es zwar keine Ursache, aber eben auch keinen Wurf. Es gäbe gar kein Quantenverhalten. Und selbst wenn es Quantenverhalten gäbe, basierte dieses nicht auf dem „Alten“ und auch nicht auf Naturgesetzen oder Gesetzen irgendwelcher Art. Es wäre objektiv chaotisch und völlig regellos. Viele Vertreter der Kopenhagener Deutung sehen dazu eine dritte, widersprüchliche Möglichkeit, die mit Würfeln so funktionieren müsste: Obwohl niemand würfelt (keine Ursache), wird der Würfel „magisch“ geworfen. Der Würfel wird geworfen - ohne überhaupt geworfen zu werden. Zudem erscheinen nicht einfach willkürliche Zahlen, wenn man den Würfel betrachtet, sondern lässt sich die Wahrscheinlichkeit berechnen, welche Würfelseite wie oft oben liegen wird. Dies jedoch ist unmöglich.Ohne Ursache würde ein Quantenobjekt überhaupt keinen berechenbaren Zustand einnehmen. Will man sich das zumindest als Gedankenexperiment vorstellen, würde sich ein Quantenobjekt ohne Ursachen wenn schon komplett willkürlich und regellos verhalten. Das heisst, es würde mit der exakt gleichen Wahrscheinlichkeit an jedem beliebigen Ort in jeder beliebigen Form „erscheinen“. Die Beobachtungen und Berechnungen der Quantenmechanik zeigen aber klar, dass sich die Wahrscheinlichkeit berechnen lässt, wann Quantenobjekte wo beobachtet werden können. Schickt man ein Quantenobjekt in Richtung Doppelspalt, wird es mit einer sehr grossen Wahrscheinlichkeit auf der hinter dem Doppelspalt aufgestellten Leinwand auftreffen und nicht irgendwo sonst im Universum. Wird das Experiment mit sehr vielen Quantenobjekten gemacht, lässt sich das Muster berechnen, das sich auf der Leinwand ergeben wird. Auch wenn der einzelne Weg des einzelnen Quantenobjekts unbestimmbar ist, verhalten sich eine Menge von Quantenobjekten regelmässig und keineswegs objektiv zufällig und chaotisch. Der behauptete Indeterminismus im Unbeobachteten kann deshalb die Beobachtungen der Quantenmechanik nicht erklären.
Gleichwohl handelt es sich beim angenommenen Quanten-Zufall nicht um klassisch relativen Zufall wie beim Würfelspiel. Wegen der Unbestimmtheitsrelation ist es grundsätzlich unmöglich, das exakte Verhalten eines einzelnen Quantenobjekts zu berechnen. Wird beispielsweise versucht, den genauen Aufenthaltsort eines Quantenobjekts zu bestimmen, wird die Geschwindigkeit, mit der sich das Quantenobjekt bewegt „unbestimmt“. Will man die genaue Geschwindigkeit erfahren, lässt sich der exakte Aufenthaltsort nicht bestimmen. Damit ist eine der zwei Bedingungen für objektiven Zufall in der Tat gegeben. Doch bedeutet das keineswegs, dass das Quantenverhalten deshalb auch ohne Ursachen geschieht. Vielmehr könnten diese Ursachen einfach verborgen sein, wie eine alternative Deutung der Quantenmechanik vorschlägt.

Alternativen zur Kopenhagener Deutung

Die De Broglie-Bohm Theorie (auch bekannt als „Bohmsche Mechanik“) ist in ihrer Aussagekraft gleichwertig zur Kopenhagener Deutung und ist genauso „Quantenmechanik“ wie diese. Sie erklärt das seltsame Verhalten der Quantenobjekte aber mit der Hilfe von „verborgenen Variablen“. Anstatt die Nichtexistenz von Ursachen zu konstatieren, nimmt diese Deutung Ursachen an, die grundsätzlich nicht erfahren werden können und die über seltsame Eigenschaften verfügen müssten. Damit ist die Deutung für viele Physiker unattraktiv, nicht zuletzt, da sich verborgene Variablen nicht erforschen lassen und die Theorie nicht widerlegbar ist. Zudem erscheint eine Erklärung mit grundsätzlich „Verborgenem“ als billig. Warum nicht statt verborgener Variablen gleich den „Alten“ oder „Wunder“ bemühen?  
Wie wir gesehen haben setzt die Möglichkeit der Wahrscheinlichkeitsberechnung der Quantenobjekte Ursachen voraus. Ohne Ursachen gibt es kein regelmässiges Verhalten, wie es beobachtet wird. Diese Ursachen müssen aber aufgrund der Unbestimmtheitsrelation grundsätzlich verborgen sein - ansonsten sich ein Widerspruch ergibt. Sollte es in der „Quantenwelt“ also nicht magisch oder „paranormal“ zugehen, müssen verborgene Variablen existieren, die nicht einfach als „Lückenfüller“ eingesetzt werden, sondern die zu erwarten sind. Es ist deshalb vielmehr erstaunlich, dass sich in der Physik die Kopenhagener Deutung durchgesetzt hat, die nicht (zu erwartende!) verborgene Variablen annimmt, sondern den ganzen Bereich der Quantenobjekte als „verborgen“, widersprüchlich, beobachterabhängig und sogar nicht-existent, aber gleichwohl indeterministisch beschreibt und ihn damit der Erforschung gänzlich entzieht!

Warum sich die Kopenhagener Deutung durchgesetzt hat

Warum also ist die Kopenhagener Deutung heute die mit Abstand am weitesten verbreitete Deutung der Quantenmechanik? Sie mag aus physikalischer, mathematischer Perspektive gegenüber anderen Deutungen überlegen sein, denn auch alle Alternativen wie die De Broglie-Bohm Theorie haben ihre Tücken und können nicht vollständig überzeugen. Die Kopenhagener Deutung war aber auch einfach eine der ersten Deutungen und geht auf wichtige Entdecker der Quantenmechanik zurück. Damit geniesst sie grosse Autorität und da sich ihr mathematischer Formalismus hervorragend bewährt hat, gewöhnte man sich daran und ignorierte die absurden philosophischen Implikationen, die viele Physiker wohl höchstens mittelbar interessieren. Von grossem Interesse waren sie aber für „Paraphilosophen“ - auch unter Physikern -, denen die Kopenhagener Deutung plausibel erschien, da sie trotz ihrer totalen Absurdität der Intuition, dass die Welt nicht deterministisch und rein kausal sein kann entspricht. Sie scheint den Menschen aus den Klauen der deterministischen, geschlossenen Wissenschaft zu befreien und dies als (scheinbare) wissenschaftliche Theorie. Sie scheint Religion und Wissenschaft versöhnen zu können, indem sie „beweist“, dass menschliche Willensfreiheit und damit überhaupt Religion, Moral und Esoterik möglich sind. Dem ist jedoch nicht so.

Kopenhagener Deutung und Willensfreiheit

Die Vorstellung einer „unbedingten Willensfreiheit“, also einer Willensfreiheit, die nicht auf Ursachen basiert, ist längst widerlegt. Besonders schön herausgearbeitet hat dies 2001 Peter Bieri in seinem Bestseller „Das Handwerk der Freiheit“. Fehlende Ursachen oder fehlende Determiniertheit ermöglichen nicht Freiheit, sondern bedeuten absolute Willkür und Chaos. Ein solchermassen unverursachter, „objektiv zufälliger“ freier Wille, wäre weder frei, noch wäre er an eine Person gebunden. Er wäre komplett losgelöst von persönlichen, subjektiven Wünschen und Hoffnungen und er wäre weder begründbar noch erklärbar. Jede freie Willensentscheidung entspräche einem unerklärbaren Wunder und würde nicht als selbst verursacht betrachtet werden können. Arthur Schopenhauer beschrieb diesen Gedanken schon im 19. Jahrhundert eindrücklich und es lohnt sich vielleicht etwas länger darüber nachzudenken:

„Unter Voraussetzung der Willensfreiheit wäre jede menschliche Handlung ein unerklärliches Wunder - eine Wirkung ohne Ursache. Und wenn man den Versuch wagt, ein solches liberum arbitrium indifferentiae sich vorstellig zu machen; so wird man bald innewerden, daß dabei recht eigentlich der Verstand stillesteht: er hat keine Form, so etwas zu denken.“ [7]

Die Vorstellung einer unbedingten, unverursachten Willensfreiheit, in welcher ein Wille ohne selbst bewirkt zu sein bewirken kann ist widersprüchlich. Doch da die Kopenhagener Deutung zumindest in ihren stärkeren, nicht-philosophischen Formen Widersprüche zulässt, schien sie als einzige (!) angeblich „wissenschaftliche“ Theorie eine solche Art von Willensfreiheit zu ermöglichen. Sie schien damit Wissenschaft und Religion zu versöhnen. Denn für Religion stellt die unbedingte Willensfreiheit und damit eine indeterministische Welt eine „conditio sine qua non“ dar. Lässt sich die Quantenmechanik aber auch deterministisch deuten und integriert sie sich damit in die restliche Wissenschaft, scheint die von Mathias Horx geäusserte Hoffnung kaum noch haltbar zu sein. Wissenschaft und Religion liessen sich auch aufgrund der Quantenmechanik nicht vereinen.

Die Überwindung der Kopenhagener Deutung

Und in der Tat sind die meisten Deutungen der Quantenmechanik deterministisch und lässt sich ein Indeterminismus selbst mit der Kopenhagener Deutung kaum vereinen. Dass eine deterministische Deutung problemlos möglich ist, zeigt ironischerweise sogar der bereits erwähnte „Kopenhagener“ Anton Zeilinger in seinem Buch „Einsteins Spuk“ auf Seite 209:

„Im Prinzip wäre aber noch eine ganz andere, extreme Position tragbar, oder zumindest denkbar. Dies wäre die Annahme eines totalen Determinismus. In diesem Fall wäre alles vorherbestimmt, einschließlich der Entscheidungen des Beobachters, welche Größe er an einem System misst. Es stellt sich also dann nicht die Frage, welche Eigenschaften die Teilchen hätten, wenn wir etwas anderes an ihnen messen, und der logische Gedankengang der Bell’schen Ungleichung kann gar nicht durchgezogen werden. Dass eine solche Position den Naturwissenschaften vollkommen den Boden unter den Füßen wegziehen würde, ist offenkundig. Welche Bedeutung hätte es, in einem Experiment eine Frage an die Natur zu stellen, wenn die Natur selbst diese Frage determinieren kann?“ [8]

Weshalb eine deterministische „Position“ extrem sein und den Naturwissenschaften den Boden unter den Füssen wegziehen soll, wenn sämtliche wissenschaftlichen Theorien deterministisch sind, ist schwer nachzuvollziehen. Vielmehr scheint es eine extreme Position zu sein, zu behaupten, starke Versionen der Kopenhagener Deutung seien wissenschaftliche Theorien, obwohl sie offensichtliche Widersprüche enthalten. Die Quantenmechanik ist zwar empirisch bestens bestätigt, aber noch fehlen ihren Deutungen im Gegensatz zur Evolutionstheorie der logische Kern. Akzeptiert man jedoch schwächere Formen der Kopenhagener Deutung und ist bereit, über das Unbeobachtete zu schweigen oder Theorien mit nicht nachweisbaren verborgenen Variablen zu akzeptieren, lassen sich zumindest viele Widersprüche vermeiden und kommt damit möglicherweise einem Verständnis der Welt näher.

Quellenangaben

[1] Mathias Horx im P.M. Magazin 1 2008. „Steckt Gott im Quant?“ S. 61
[2] Bild der Wissenschaft 8/2004, S. 40 „Einsteins Mond und Schrödingers Katze“
[3] Ernst Peter Fischer. Die Hintertreppe zum Quantensprung: Die Erforschung der kleinsten Teilchen der Natur von Max Planck bis Anton Zeilinger. München 2010. S. 322.
[4] Carl Friedrich von Weizsäcker: Die Einheit der Natur. München 1974. S. 226
[5] Daniel Bouhafs. Komplementärmedizin: Alternative Heilmethoden unter der Lupe. Zürich 2011.
[6] Albert Einstein, Max Born, Hedwig Born. Briefwechsel 1916-1955. München 1969. S. 154.
Im Original: „Die Quantenmechanik ist sehr achtung-gebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das doch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der nicht würfelt….“ (Brief an Max Born vom 4.12.26).
[7] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Freiheit des Willens. In Arthur Schopenhauer. Sämtliche Werke in fünf Bänden: Band III: Kleinere Schriften. Berlin 1986. S. 565.
[8] Anton Zeilinger. Einsteins Spuk. München 2007. S.  209.

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