Ohne Willensfreiheit sind viele unserer Vorstellungen rund um die Verantwortlichkeit von Menschen falsch. Es erscheint regelrecht absurd, Menschen für ihre Entscheidungen und Handlungen verantwortlich zu machen, obwohl sie sich gar nicht anders hätten entscheiden können, obwohl sie nicht willensfrei gewesen sind. Da in einem Determinismus alles, was geschieht bereits zum Anbeginn der Zeiten festgestanden hat, kann Willensfreiheit in diesem Sinn nicht mit einem Determinismus vereinbar sein. Da Willensfreiheit aber offensichtlich existiert und notwendige Voraussetzung für Verantwortlichkeit ist, müssen Willensfreiheit und Indeterminismus vereinbar sein. Dies ist allerdings eine Täuschung. Denn während verschiedene Formen von Freiheit mit einem Determinismus vereinbar sind, ist in einem Indeterminismus jede Form von Freiheit unmöglich.

Bis zur Entdeckung der Quantenmechanik war die moderne Naturwissenschaft strikt deterministisch und damit nicht mit dieser Vorstellung von Willensfreiheit vereinbar. Erst mit der "Entdeckung" der Quantenmechanik schien Naturwissenschaft also Willensfreiheit überhaupt zu ermöglichen. Es existieren zwar auch deterministische Deutungen der Quantenmechanik, aber viele Physiker sind sich heute einig, dass die Quantenmechanik, auch wenn sie zweifelsohne deterministische Elemente enthält (z.B. Zeitentwicklung, Messprozess), sich nicht ausschliesslich deterministisch deuten lässt. Sie glauben, dass die Welt zumindest teilweise indeterministisch sein muss.

Für die Debatte rund um Willensfreiheit spielt dies allerdings insofern keine Rolle, als Willensfreiheit und Indeterminismus aus grundsätzlichen Erwägungen nicht vereinbar sind, ganz unabhängig davon, wie die Quantenmechanik gedeutet wird.

Homunculus als autonomer Urheber

Auch wenn die Quantenmechanik tatsächlich indeterministische Elemente enthalten sollte, sind alle anderen naturwissenschaftlichen Theorien strikt deterministisch (»Determinismus oder Indeterminismus). Es gibt deshalb keine ernsthaften Zweifel, dass der Körper eines nicht willensfreien Lebewesens deterministischen Gesetzen gehorcht, dass es also eine strikt kausale Verbindung gibt zwischen dem (physischen) Leben meiner Grosseltern (z.B. Zeugung meiner Eltern) und mir. Dies streiten selbst evolutionskritische, Willensfreiheit voraussetzende Religionen kaum ab, die deshalb davon ausgehen, dass beispielsweise im Alter von vierzig Tagen dieser Körper "beseelt" wird (Eco 2014, S. 120-130). Dieser Vorstellung gemäss trifft eine nichtmaterielle und nicht evolutionär entstandene Seele irgendwie von "ausserhalb" auf den materiellen Körper und übernimmt die Rolle des willensfreien, indeterminierten Teils des ansonsten strikt determinierten Menschen. Die Seele oder ein Teil der Seele, den man oftmals auch "Homunculus" - "Menschlein" nennt, fällt die willensfreien Entscheidungen, ohne selbst durch Naturgesetze determiniert zu sein. Der Homunculus ist damit autonomer Urheber der handlungsrelevanten Entscheidung.

Die hier geschilderte Vorstellung setzt einen Leib-Seele Dualismus voraus, der als widerlegt gelten kann und heute in den Naturwissenschaften keine Rolle mehr spielt (»Leib-Seele Dualismus). Doch selbst wenn der Dualismus korrekt sein sollte, ergäben sich damit gravierende Probleme rund um die Frage nach Willensfreiheit.

Gemäss dem Leib-Seele Dualismus dockt sich die nichtmaterielle und nichtdeterminierte Seele an einen materiellen menschlichen Körper an. Sie oder eben der als Teil der Seele aufgefasste "Homunculus" nimmt mittels materieller Sinnesorgane wahr, steuert den Körper und fällt die willensfreien Entscheidungen der Person, die Leib und Seele umfasst. Der Homunculus scheint inne zu halten, verschiedene Argumente, die für oder gegen eine Entscheidung sprechen zu reflektieren, seine Aufmerksamkeit auf die Gefühle der Person zu richten, um danach ohne durch irgendetwas beeinflusst zu sein und damit indeterminiert seine Entscheidung zu treffen. Es handelt sich bei dieser Entscheidung nicht um einen Automatismus, dessen Ausgang von Anfang an klar gewesen und damit determiniert war, sondern der Homunculus wägt ab und entscheidet völlig frei. Es liegt allein an ihm, wie die Entscheidung ausfallen wird. Er könnte sich auch anders entscheiden, wenn er dies wollte, er ist autonomer Urheber der handlungsrelevanten Entscheidung.

Probleme ergeben sich mit dieser Vorstellung, da Erinnerungen, Gefühle und Gedanken in sehr enger Verbindung stehen zum Gehirn, wie beispielsweise Schädigungen des Gehirns zeigen. Da der zu beseelende Fötus aber noch kein voll ausgebildetes Gehirn hat, müsste der Homunculus entweder abhängig vom materiellen Gehirn "mitwachsen" oder schon bei der "Beseelung" voll ausgewachsen sein, was offensichtlich nicht der Fall ist. Der Homunculus müsste zudem kompletten Zugriff auf das Gehirn haben, dort die relevanten Daten "auslesen", diese Daten beurteilen und dann eine willensfreie Entscheidung treffen können. Nach der Entscheidung müsste er wiederum in die neuronalen Netze des Gehirns eingreifen, um so beispielsweise eine Bewegung in Gang zu setzen, die notwendig ist, um die Handlung auszuführen für die er sich entschieden hat.
 
Eine solche Vorstellung kann heute aus empirischen Gründen faktisch ausgeschlossen werden. Zum einen gibt es weder eine "Andockstelle" zwischen Gehirn, respektive Körper und Bewusstsein noch funktioniert das Zusammenspiel von Gehirn und Bewusstsein auf diese Art und Weise (Singer: Homunculus). Zum anderen müsste diese Interaktion Energie verbrauchen und damit messbar und empirisch nachweisbar sein, was sie aber nicht ist.

Nebst diesen empirischen Problemen ergeben sich auch grundsätzliche Probleme rund um den gottgleichen "Homunculus", der als "autonomer Urheber" ohne determiniert zu sein Ereignisse in der Welt determiniert. Entschiede sich der "Homunculus" tatsächlich ohne beeinflusst zu sein, komplett indeterminiert, dann gäbe es für die Entscheidung keine Ursache und damit auch keinen Grund. Die Entscheidung wäre nicht frei, sondern absolut zufällig. Der "Homunculus" könnte zwar die Gedanken, Gefühle und Erinnerungen abwägen, da die Entscheidung aber ohne Ursache gefällt werden müsste, hätten diese Gedanken, Gefühle und Erinnerungen keinen Einfluss auf die Entscheidung. Der Impuls, welche Entscheidung gefällt werden sollte wäre zufällig und damit gerade nicht frei.

Prinzip der alternativen Möglichkeiten

Identische Umstände

Dass eine von einem "Homunculus" gefällte Entscheidung nichts mit Freiheit zu tun hat, lässt sich auch am Prinzip der alternativen Möglichkeiten aufzeigen. Gemäss diesem Prinzip kann man nur dann von Willensfreiheit sprechen, wenn sich jemand unter identischen Umständen auch anders hätte entscheiden können als er es getan hat (z.B. Pauen 2005, S. 106-110).

Habe ich mich beispielsweise aus freiem Willen für ein Philosophiestudium entschieden, dann hätte ich mich als willensfreier Mensch auch gegen diese Ausbildung entscheiden können. Die Entscheidung stand nicht schon zu Anbeginn der Zeiten fest, sondern wurde durch mich (als "Homunculus" und damit unabhängig von der materiellen Evolution) "frei" gefällt. Da ich diese Ausbildung machen wollte und mich niemand zu dieser Ausbildung gezwungen hat, habe ich mich aus freien Stücken für sie und gegen eine alternative Ausbildung entschieden.

Diesem Gedanken liegt die Vorstellung zu Grunde, dass ich mich auch unter identischen Umständen gegen die Philosophieausbildung hätte entscheiden können. Es waren nicht die Umstände, die zur Wahl geführt haben, sondern ich habe sie vollkommen autonom selbst gefällt. Problematisch an dieser Vorstellung ist allerdings die Tatsache, dass unter identischen Umständen auch die Gründe dieselben gewesen wären, die mich dazu bewogen haben, mich für das Philosophiestudium zu entscheiden. Hatte ich mich also nach langer Reflexion und "In-mich-Gehens" dazu entschieden, Philosophie zu studieren, hätte ich mich als in diesem Sinne willensfreier Mensch unter identischen Umständen auch dagegen entscheiden können müssen - obwohl ich dies auf keinen Fall gewollt hätte.

Denn unter identischen Umständen wären nicht nur die Gründe und Gefühle, sondern auch mein Wille identisch gewesen. Bei einer für mich eindeutigen und auch als besonders frei empfundenen Entscheidung hätte ich mich demnach "unter keinen Umständen" anders entscheiden wollen als ich es getan habe. Hätte ich mich in dieser (identischen) Situation gegen das Studium entschieden, hätte ich diese Entscheidung keinesfalls als frei, sondern als fremdbestimmt oder zufällig empfunden. Die Frage, ob ich mich unter identischen Umständen auch anders hätte entscheiden können, spielt deshalb gar keine Rolle, da ich dies unter den gegebenen Umständen keinesfalls hätte tun wollen.

Doch auch wenn die Entscheidung alles andere als klar gewesen wäre, ergibt sich mit dem Prinzip alternativer Möglichkeiten ein Problem. Wäre ich bei der Entscheidung völlig indifferent gewesen und hätte am Schluss des Entscheidungsprozesses ohne wirkliche Überzeugung das Kreuz bei "Philosophie" gemacht, dann hätte ich genauso gut würfeln können. Die Entscheidung wäre dann zwar von mir gefällt worden und sie wäre auch insofern frei gewesen, als ich die Entscheidung gefällt hätte. Die Entscheidung wäre aber nicht wirklich selbstbestimmt gewesen, sondern wesentlich abhängig vom Zufall. Eine Minute früher oder eine Minute später hätte ich mich vielleicht dagegen entschieden. War die Entscheidung aber zu diesem Zeitpunkt durch mich gefällt worden, dann wäre sie auch in diesem Fall unter identischen Umständen identisch herausgekommen - oder ich hätte die Entscheidung nicht selbst gefällt. Es hätten zwar im Gegensatz zum ersten Beispiel minimal andere Umstände genügt, um zu einer anderen Entscheidung zu gelangen, aber auch minimal andere Umstände sind nicht dasselbe wie identische Umstände.

Die Forderung, sich unter identischen Umständen anders entscheiden zu können als man es getan hat führt also nicht zu mehr, sondern zu weniger Freiheit. Willensfreiheit setzt gerade voraus, dass eine Entscheidung gut begründet ist und man deshalb gar nicht anders handeln will. Würde die gut begründete und den Gefühlen entsprechende Entscheidung grundlos anders ausfallen, wäre die Entscheidung fremdbestimmt oder zufällig, aber keinesfalls willensfrei.

Verteidiger der Vorstellung, dass man sich unter identischen Umständen anders entscheiden kann, wenden dagegen in der Regel ein, dass sie selbstverständlich in derselben Situation hätten anders handeln können. Sie hätten durchaus auch das Kreuz bei "Medizin" machen können, niemand hätte sie daran gehindert und dies sei auch nicht schon zum Anbeginn der Zeiten festgelegt gewesen. Sie hätten dies bestimmt gekonnt - wenn sie es so gewollt hätten. Die Entscheidung sei allein bei ihnen gelegen. Wie wir bislang gesehen haben, liegt hier insofern ein Irrtum vor, als unter den identischen Umständen auch der Wille derselbe gewesen wäre, respektive der "Homunculus", der den Willen hätte bestimmen sollen. Dass die Entscheidung unter anderen Umständen anders hätte ausfallen können, ist hingegen problemlos möglich. Allerdings auch in einem Determinismus, weshalb das Prinzip alternativer Möglichkeiten in einem Indeterminismus keinen Zugewinn an Freiheit bringt.  

Können

Bei der Intuition der Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Indeterminismus geht es aber nicht nur darum, dass die Entscheidung unter identischen Umständen alleine bei mir gelegen hat, sondern insbesondere auch darum, dass ich mich grundsätzlich anders hätte entscheiden können. Ich hatte die Fähigkeit, mich anders zu entscheiden. Ich hätte zum Zeitpunkt der Entscheidung zwar nicht mit den Armen rudern und mich in die Lüfte erheben können, ich hätte mich aber anders entscheiden können, so ich dies gewollt hätte. In einem Determinismus hingegen hätte ich mich nicht anders entscheiden können, da die Entscheidung ja schon zu Anbeginn der Zeiten festgestanden hatte.

Auch hier handelt es sich allerdings um eine fehlerhafte Überlegung. In einem Indeterminismus hätte ich mich unter identischen Umständen vielleicht anders entscheiden können (so zumindest die Vorstellung) - unter identischen Umständen hätte ich dies aber keinesfalls gewollt. Hatte ich mich so entschieden wie ich es gewollt habe, dann hätte ich unter identischen Umständen keine andere Entscheidung fällen wollen. Die Frage, ob ich - unter identischen Umständen - auch eine andere Entscheidung hätte fällen können spielt demnach gar keine Rolle.

Hätte ich aber etwas anderes gewollt, hätte ich in derselben Situation tatsächlich anders handeln können - wenn man den "Homunculus" nicht als Teil der Situation betrachtet. Die Frage stellt sich dann allerdings, warum der "Homunculus" anders hätte handeln wollen und die Antwort lautet: entweder weil es Gründe dafür gab, was eine deterministische Vorstellung ist - oder grundlos, also zufällig. Die Entscheidungen wären damit weder selbstbestimmt noch frei.

Kontrolle

Die Alternative zur determinierenden Kausalität ist nicht Freiheit, sondern Zufall. Geschieht etwas ohne Ursache, geschieht es nicht "frei", sondern zufällig. Zufall und Willensfreiheit schliessen sich gegenseitig aus, da der Begriff von Willensfreiheit auch Kontrolle beinhaltet. Die "willensfreie" Person muss sowohl die Entscheidung als auch die Handlung kontrollieren. Sie muss diejenige Instanz sein, die die Entscheidung ursächlich trifft, ihre Entscheidung muss aber auch Ursache der Handlung sein. Eine indeterministische Welt führt deshalb auch nicht zu einem Zugewinn an Freiheit.

Dies ist auch der Grund, warum indeterministische Deutungen der Quantenmechanik hier nicht weiterhelfen. Wäre der freie Wille ein Quanteneffekt, liesse sich die Entscheidung zwar grundsätzlich nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen und wäre in diesem Sinne nicht determiniert, die willensfreie Person wäre dann aber auch nicht mit ihren Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen Ursache der Entscheidung. Die Entscheidung würde berechenbaren (!) Wahrscheinlichkeiten "gehorchen" und nicht den Präferenzen der scheinbar willensfreien Person. Gemäss der berechenbaren Wahrscheinlichkeiten müsste eine bestimmte Anzahl von Entscheidungen zudem anders ausfallen als von der "willensfreien" Person intendiert: Will sie das Eine, ist aber das "Wahrscheinlichkeits-Kontingent" dafür bereits aufgebraucht, müsste gegen ihren Willen die andere Möglichkeit gewählt werden (vgl. auch Willensfreiheit und WahrscheinlichkeitWahrscheinlichkeit: Argumentarium).

Determinismus mit homöopathischen Dosen von Indeterminismus

Problematisch an indeterministischen Vorstellungen ist aber auch, dass es sich dabei gar nicht um indeterministische Vorstellungen handelt, sondern um Vorstellungen eines Determinismus, der indeterministische Elemente enthält. Die Welt funktioniert demnach zwar grösstenteils deterministisch, enthält aber auch unverursachte, indeterministische Elemente, enthält Elemente von angeblicher Freiheit, die aber Elemente von absolutem Zufall wären.

Aus menschlicher Perspektive erscheint die Vergangenheit als geschlossen und unveränderbar, eine Vorstellung, welche jener des Determinismus entspricht. Die Zukunft hingegen erscheint uns offen und veränderbar und damit indeterminiert. Doch blickt man aus der Zukunft in die Vergangenheit zurück, lässt sich fast alles problemlos kausal erklären, lässt sich leicht erklären, wie die Vergangenheit die Zukunft determiniert hat, dass die Zukunft keinesfalls offen oder sogar zufällig der Vergangenheit folgt. Dies gilt offensichtlich auch für die meisten angeblich willensfreien Entscheidungen. Diese sind weder zufällig noch indeterminiert, sondern es lassen sich meist gute Gründe finden, die eine Entscheidung hinreichend erklären. Dies ist auch wenig erstaunlich, da in Anbetracht einer jahrmilliardenlangen deterministischen Evolution es mehr als überraschend wäre, wenn ein paar wenige wirklich "freie", respektive "unverursachte" menschliche Willensentscheidungen die Ausnahme von der Regel, weil indeterministisch wären.

Betrachtet man angeblich indeterministische menschliche Willensäusserungen als einzigen Bereich der Welt, der indeterministisch sein soll, handelt es sich bei diesen im Verhältnis zur evolutionären Entwicklung um homöopathische Dosen in einer Potenz, die selbst die Homöopathie kaum erreichen kann. Es ist eine typische menschliche Selbstüberhöhung, zu glauben, als einziges Wesen gottgleich gegen die Naturgesetze verstossen zu können (Nietzsche: Nichtigkeit des Menschen). Diese Arroganz existiert erstaunlicherweise auch im Bereich der Religionen, insbesondere im Christentum, wo der Mensch als einziges Wesen "göttlicher als Gott" sein soll: der Allmächtige und Allwissende kann und weiss zwar alles - aber der Mensch kann ihn mit seiner Willensfreiheit austricksen und sich so schuldig gegenüber Gott machen. Doch so wenig der Mensch sich willensfrei gegen einen Gott wenden könnte, kann er sich gegen die Naturgesetze wehren und diese aus freiem Willen ausser Kraft setzen.

Dass auch die Quantenmechanik hier keine Abhilfe schafft, sollte inzwischen hinreichend klar geworden sein. Willensfreiheit und Indeterminismus sind nicht vereinbar, weshalb auch eine indeterministische Quantenphysik keinen Zugewinn an Freiheit bringen würde. Vielmehr gibt es gute Argumente, die dafür sprechen, dass die indeterministischen Deutungen der Quantenmechanik nicht zuletzt deshalb so beliebt sind - weil sie die Naturwissenschaften dem Determinismus zu entreissen und Willensfreiheit zu ermöglichen scheinen (»Quantenphysik).

Fazit

Für die Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Indeterminismus spricht vor allem das folgende Argument: da in einem Determinismus weder eine wirklich freie Wahl im Sinne eines "autonomen Urhebers" möglich ist noch die Möglichkeit besteht sich unter identischen Umständen anders zu entscheiden, sind Willensfreiheit und Determinismus nicht vereinbar. Da Willensfreiheit existiert müssen Willensfreiheit und Indeterminismus vereinbar sein. Wie wir gezeigt haben sind diese beiden Voraussetzungen (autonomer Urheber, Prinzip alternativer Möglichkeiten) aber auch nicht mit einem Indeterminismus vereinbar. 

Der Mensch kann in einem Indeterminismus nicht "gottgleich" als autonomer Urheber selbstbestimmt aus dem Nichts willensfreie Entscheidungen treffen, die die Welt verändern und zugleich in irgendeinem relevanten Sinne frei sind. Genausowenig bringt die Möglichkeit sich unter identischen Umständen auch anders entscheiden zu können ein Mehr an Freiheit.

Für Vertreter indeterministischer Formen von Willensfreiheit ist ein solches Fazit undenkbar, da sie der Überzeugung sind, dass ohne indeterminierte Formen von Willensfreiheit weder Recht, Moral noch Religion möglich sind. Der Mensch würde zur Maschine degradiert, Menschenwürde ein leerer Begriff.

Dass dem nicht so ist, zeigt sich leicht daran, dass Recht, Moral und Religion im Gegensatz zu indeterminierter Willensfreiheit existieren. In der Tat ist es problemlos möglich, rechtliche und moralische Verantwortung ohne indeterminierter Willensfreiheit zu begründen. Für religiöse Formen von Verantwortung sieht es allerdings düster aus: in einem Determinismus werden wir zwar weiterhin zu Recht für den Rechtsbruch bestraft, doch müssen wir kein Weltgericht fürchten, das göttlich oder karmisch unsere Entscheidungen bewertet, da dafür die widersprüchliche indeterministische Willensfreiheit notwendig ist.

Auswahlliteratur

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