Während die Wirksamkeit der Homöopathie von verschiedener Seite in Frage gestellt wird, ist die Wirksamkeit für ihre Anhänger längst bewiesen (»Alternativmedizin: wie sie wirkt). Es ist jedoch bis heute nicht gelungen, das angebliche Wirkprinzip zu erklären. Im Gegenteil sprechen nicht nur alle seriös durchgeführten wissenschaftlichen Studien gegen die Wirksamkeit der Homöopathie, sondern auch ihre Entstehungsgeschichte und ihr theoretisches Fundament. Dieses basiert auf wenigen Grundannahmen: zuerst einmal auf der Vorstellung einer allen Lebewesen innewohnenden "Lebenskraft", desweiteren auf dem "Ähnlichkeitsprinzip" und dem Prinzip der "Potenzierung durch Verdünnung". Dieses theoretische Fundament soll im Folgenden genauer untersucht werden.

Lebenskraft und Anamnese

Die Homöopathie basiert auf der Vorstellung einer Lebenskraft, welche materielle Organismen belebe. Zeige ein Lebewesen Kankheitssymptome wie beispielsweise Kopfweh oder Gliederschmerzen, so sei dies Folge einer "Verstimmung" dieser Lebenskraft und keine materielle Krankheit. Ziel des Heilverfahrens müsse es demnach sein, diese Lebenskraft wieder in Harmonie zu bringen. Ein solches Vorgehen beziehe den ganzen Menschen und nicht nur ein Symptom mit ein, weshalb Homöopathie gerne auch als "ganzheitlich" bezeichnet wird.

Völlig verschiedene Symptome können dieser Vorstellung gemäss auf die selbe Ursache (Verstimmung der Lebenskraft) zurückzuführen sein. Es bringt deshalb nichts, gegen ein Symptom vorzugehen, sondern es muss die gemeinsame Ursache aller Symptome gesucht und ein dazu passendes Mittel gefunden werden. Ein homöopathisches Mittel ist also in der Theorie exakt auf den individuellen Menschen zugeschnitten und nicht auf ein spezielles Symptom, weshalb die Schwierigkeit darin besteht, das richtige Mittel für das jeweilige Individuum zu finden.

Dies geschieht mittels ausführlicher Anamnesebögen, mit welchen möglichst viele unterschiedliche Aspekte des individuellen Menschen erfasst werden sollen. Der Homöopath versucht deshalb in einem langen Gespräch möglichst viel über den Menschen zu erfahren, insbesondere welche Symptome er zeigt. So spielen beispielsweise alle Krankheiten eine Rolle, welche man bislang gehabt hat, werden Familienerkrankungen abgefragt, ist es von Bedeutung, ob jemand raucht oder Alkohol trinkt, ob jemand chronisch müde oder erschöpft ist, spezielle "Neigungen" zu bestimmten Beschwerden besitzt, wie viel man zu Fuss geht, wie viel man trinkt, ob man sexuelle Probleme hat etc.  Es können auch Fragen gestellt werden wie jene, ob man lieber kalt oder warm habe, ob man zu "Feuchtigkeit hinter den Ohren" neige etc.

Ziel dieser Fragen ist es, ein Bild davon zu kriegen, woran es der Lebenskraft mangeln könnte. Denn der Homöopath wird nicht versuchen, das Symptom zu "heilen", wegen welchem der Patient zu ihm gekommen ist, sondern ein Mittel zu finden, welches gegen die "Verstimmung" der Lebenskraft wirkt - und diese Verstimmung zeigt sich in der Summe der Symptome, die jemand zeigt. Sind diese Symptome bestimmt, sucht der Homöopath ein Mittel, welches in unverdünnter Form bei Gesunden möglichst ähnliche Symptome hervorbringt.

Die Entdeckung des Ähnlichkeitsprinzips

Denn Kern der Homöopathie ist auch die Vorstellung, dass Ähnliches mit Ähnlichem zu heilen sei. Begründet wird diese Annahme nicht theoretisch, sondern mit der Erfahrung des Begründers der Homöopathie, Samuel Hahnemann. Dieser hatte in einem englischen Lehrmittel, das er gerade übersetzte, gelesen, dass die damals gegen Malaria verwendete Substanz Chinarinde deshalb gegen Malaria wirke, weil sie Bitterstoffe enthalte. Hahnemann zweifelte (zu Recht) an dieser Erklärung, da ja nicht jeder Bitterstoff gegen Malaria helfe. Um herauszufinden, warum die Chinarinde ihre Wirkung habe, nahm er deshalb über mehrere Tage hinweg hohe Dosen Chinarinde ein. Zu seinem eigenen Erstaunen bewirkte dies Symptome, wie er sie von früheren Malariainfektionen kannte.

Hahnemann war der Überzeugung, dass in diesem Erlebnis der Schlüssel lag, um zu verstehen, warum Chinarinde gegen Malaria wirkte. Aus der Beobachtung, dass Chinarinde die Symptome der Malaria zu vermindern vermochte und der Beobachtung, dass Chinarinde in hoher Dosis die gleichen Symptome wie Malaria hervorrief, zog er folgenden Schluss: Chinarinde wirkt als Heilmittel gegen Malaria, weil es ähnliche Symptome beim Gesunden hervorruft. Nicht die Bitterkeit sei verantwortlich für die Heilwirkung, sondern die Ähnlichkeit der Symptome.

Ausweitung des Ähnlichkeitsprinzips

Hahnemann weitete sein gefundenes Prinzip schnell auf weitere Bereiche aus. Er war der Überzeugung mit seinem Chinarinde-Experiment ein Universal-Prinzip gefunden zu haben. So sollte letztendlich jede Substanz als Heilmittel eingesetzt werden können und jeweils genau die Krankheiten heilen können, deren Symptome die Substanz beim Gesunden auslöste. Arsen sollte also beispielsweise gegen Symptome helfen, die ein Arsenvergifteter vor seinem Tod spürt, Bienengift gegen Bienenstiche heilsam sein, aber auch gegen sämtliche Symptome, die jenen eines Bienenstichs "ähnlich" sind, wie viele Formen von Entzündungen und Verbrennungen.

Um ein homöopathisches "Heilmittel" zu finden müssen also einerseits an Gesunden Substanzen in "normaler" Dosis ausprobiert und die dabei erlebten Symptome notiert werden. Andererseits muss der Arzt, wie oben bereits beschrieben, den Patienten so genau "analysieren", dass er am Schluss aufgrund möglichst sämtlicher Symptome, die dieser hat, dasjenige Mittel zu finden, das bei Gesunden möglichst ähnliche Symptome bewirkt. Da die Diagnose sehr schwierig ist und die Auswahl des richtigen Mittels meist nicht auf Anhieb gelingt, werden mitunter mehrere Mittel durchgespielt, bis eines dann angeblich wirkt (vgl. Die Zeit heilt alle Wunden in »Alternativmedizin: wie sie wirkt) Für die Homöopathie spielt es also in der Regel keine Rolle, welche Ursachen ein Symptom hat - solange die Symptome "ähnlich" sind, kann ein homöopathisches Medikament angewandt werden. Umso erstaunlicher ist es, dass viele Homöopathen der Überzeugung sind, dass ihr Verfahren nicht Symptome, sondern Ursachen bekämpft.

Potenzierung oder Verdünnung

Problematisch für das Ähnlichkeitsprinzip ist offensichtlich die Tatsache, dass besonders giftige Stoffe besonders heftige Symptome hervorrufen. So führt die Einnahme von Arsen zu heftigen Angstzuständen und im Endeffekt zum Tod. Gemäss dem Ähnlichkeitsprinzip sollte Arsen also beispielsweise gegen Angst (nicht aber gegen den Tod...) wirken. Gibt man nun aber einer Person während einer Panikattacke Arsen, so wird die heilende Wirkung wohl ausbleiben - oder bei Kenntnis um die Einnahme von Arsen erst recht Todesangst wecken.

Entweder war also das Ähnlichkeitsprinzip schlicht falsch oder es wurde bislang einfach falsch angewandt. Dieser Überzeugung war Hahnemann offensichtlich (wobei er das Problem womöglich auch einfach ignoriert hat, vgl. Organon: §128) und er versuchte einen Weg zu finden, um sein Ähnlichkeitsprinzip zu "retten" und anzuwenden, ohne dass die negativen, giftigen Stoffe ihre Wirkung zeigen konnten. Was lag also näher, als die Stoffe stark zu verdünnen?

Hahnemann machte eine Reihe von Versuchen und fand angeblich heraus, dass die Stoffe eine umso stärkere Wirkung hervorriefen, je stärker sie verdünnt wurden. Da aber nicht jede Verdünnung zu den angeblich spektakulären Erfolgen der Homöopathie führt, musste sich die Wirksamkeit durch die Art und Weise der Verdünnung erklären lassen, die er angewandt hatte. Denn offensichtlich lässt sich ein Stoff nicht einfach verdünnen, und seine Heilkraft nimmt zu.

Das von Hahnemann verwendete Prinzip der Verdünnung ist recht einfach (vgl. »Herstellung homöopathischer Mittel; §270 im Organon von Samuel Hahnemann)

  • Zuerst muss aus einem Grundstoff eine "Urtinktur" hergestellt werden. So wird beispielsweise eine Biene (nicht nur das Bienengift!) gemäss dem Homöopathischen Arzneimittelbuch, Seite 188 "in einer geeigneten Flasche durch Zufügen von 1 Teil Äthanol getötet; nach Zugabe von 1 Teil Äthanol 30 Prozent werden die Tiere zerkleinert. Der Ansatz wird mit 8 Teilen Äthanol 62 Prozent versetzt und 14 Tage lang bei täglich 3maligem Umschütteln stehengelassen. ..." Solche Beschreibungen erinnern unweigerlich an Beschreibungen aus Hexenbüchern...
  • Für jeden Stoff gibt es genau vorgegebene Verfahrensweisen, um eine Urtinktur herzustellen. Diese Urtinktur wird dann im Verhältnis eins zu zehn oder eins zu hundert mit einem Trägermedium wie Wasser oder Alkohol vermischt. Das bedeutet, dass ein Teil der Urtinktur genommen wird und mit neun, respektive neunundneunzig Teilen Trägermedium vermischt werden. Dieses "Urtinktur-Trägermedium-Gemisch" wird nun mindestens zehnmal energisch in Richtung Erdmittelpunkt auf einen festen, aber elastischen Gegenstand (wie beispielsweise eine ledergebundene Bibel, so Hahnemann!) geschlagen. Dadurch soll sich nicht nur die Urtinktur mit dem Trägermedium vermischen, sondern soll auch die "heilende Information" der Urtinktur (in diesem Beispiel die "heilenden Wirkungen der Biene") auf das Trägermedium übertragen werden (
  • In einem nächsten Schritt wird nun von diesem "Urtinktur-Trägermedium-Gemisch", das im Moment einen Teil Urtinktur und mit weiteren neun oder neunundneunzig Teile Trägermedium umfasst, ein Teil genommen und mit neun oder neunundneunzig Teilen "jungfräulichem Trägermedium" vermischt und im beschriebenen Verfahren verschüttelt. Dabei sollen die heilenden Kräfte der Biene wiederum auf die bis dahin "jungfräulichen" neunzig oder neunundneunzig Prozent Wasser oder Alkohol übertragen - und zugleich verstärkt werden.
  • Dieser Vorgang kann im Prinzip unendlich weitergeführt werden. Während also der Urstoff (die Biene) "materiell" immer stärker verdünnt wird und irgendwann nicht mehr vorhanden ist, sollen die "geistartigen" Teile des Urstoffs, wie Hahnemann sie genannt hat, verstärkt werden. Je stärker verdünnt der Stoff also ist, desto besser soll das Heilmittel Symptome heilen, die den Symptomen des Stoffs ähnlich sind.
  • Was jedoch nicht funktionieren soll ist die schnelle Vermischung, dass also ein Teil Urtinktur beispielsweise mit 5000 Teilen Trägermedium verdünnt wird. Ansonsten liesse sich der ganze Prozess vereinfachen, indem einfach jeweils ein Teil Urtinktur in der Badewanne oder in einem See aufgelöst würde. Verwendet man allerdings das Verhältnis 1:50000 soll eine schnelle Vermischung gleichwohl wieder möglich sein - dabei handelt es sich um sogenannte "LM-Verdünnungen".

Kann diese Form der Vermischung aber wirklich dafür verantwortlich sein, dass "geistartige" Kräfte gestärkt werden, dass die "wesentliche" Information von der Ursubstanz getrennt und auf das Trägermedium übertragen wird? Es gibt zwar genaue Vorschriften, wie die Urtinktur hergestellt, in welchem Verhältnis Urtinktur und Trägermedium vermischt und auf welche Art und Weise geschüttelt werden muss. Doch gibt es keine rationale Erklärung, warum diese Rituale ein Heilmittel hervorbringen sollen, warum genau diese Art der Verdünnung zu einer "Potenzierung" der "heilenden Information" führen soll. Die einzige Erklärung besteht darin, dass Herr Hahnemann es so gemacht hatte und damit angeblich grosse Erfolge hatte. Doch lassen sich diese Erfolge wirklich auf die "rituelle Verschüttelung" und Verdünnung zurückführen? Findet wirklich die behauptete Übertragung der immateriellen Information der Ursubstanz auf das materielle Trägermedium statt?

Kommentar hinzufügen
  • Keine Kommentare gefunden